DAS GENDER_DING:
MEHR ALS NUR
KLEIDERKREISEL

von Nils Fabian Brunschede

Im Hintergrund Showgirls. Vorne ein junger Mann in Tracht und Schleier, tanzend, zu einer von der Laute begleiteten Version von „It’s a man’s world“. Die Männer, die sich lautlos winselnd auf dem Boden krümmen, kümmern ihn anscheinend nicht – und umgekehrt. Als zuckte auf dem Boden ein Element aus der vergangenen Szene, übriggeblieben und auf stumm geschaltet.

Die Hamburger spielen kein finales Stück über Geschlechteridentitäten oder –konstruktionen, das alle möglichen und unmöglichen Fragen zum Thema anreißt. Es geht ums Ding. Um die Sache, wie sie mir begegnet und sich in meine Geschichte schleicht.

Unmittelbar und ausdrucksstark ist die Sprache der Musik. Es beginnt mit einer Tanzszene in Hemd, Krawatte und Strumpfhose. Der langsame Tango dazu stammt aus dem Bühnenhintergrund, wird live von der Musikerin Derya Yildirim eingespielt. Die Szene dauert, doch die Spielenden halten die Spannung. Die Bewegungen breiten sich langsam aus. Für einen kurzen Augenblick wird der Tango zur Elegie.

Kurz darauf die Unterbrechung: Ein Spieler verschafft sich lauthals Gehör. Er rebelliert gegen die „ekelhaften“ Strumpfhosen. Plötzlich geht es um Kleidung, um Peinlichkeit und Klischees – all das, was gerade noch ausgeblendet schien.

Der Moment ist zerplatzt. Das Gefühl jedoch bleibt. Eine diffuse, melancholische Energie. Gelegentlich von Slapstick gesprengt, verdichtet sie sich immer wieder. Und manchmal gelingt die Symbiose. So, wenn ein Sänger mit Schnurrbart und Sonnenbrille ein Trauerlied auf Farsi singt: so inbrünstig, dass die Männer um ihn herum unter Heulkrämpfen zusammenbrechen. Eigentlich ist das ein bisschen zu laut und übertrieben. Aber im selben Moment dringt etwas Leises durch. In dem Gesang sammelt sich – neben der religiösen und kulturellen Überlieferung – auch die Geschichte des Sängers und der Zuhörer, erst sie bringen das Lied zum Beben und Bersten.

Wenn Leute in Deutschland über Gender diskutieren, ist die Triebkraft dahinter oft Wut: Der gerechtfertigte Zorn darüber, wie viel Ignoranz, Diskriminierung und Gewalt immer noch hinter der Fassade der aufgeklärten westlichen Demokratie stecken. Bei den Neuen Sternen ist der Affekt ein anderer. Hier ist es offenbar Trauer, die das Stück in Bewegung bringt. Trauer, die hinter den Migrierenden und Flüchtenden herreist. Trauer, jemanden zu verlassen, neue Freiheit nicht teilen zu können und selber irgendwo zwischen alten und neuen Lebenswelten versprengt zu sein. Vielleicht sind es deshalb keine Wutreden gegen das System, keine Verurteilungen. Eher eine Suche nach Verständigung, in einer mal übersprudelnden, mal fast verstummenden Sprache.

Als erstes findet die Gruppe sich selbst. Die Neuen Sterne spielen nicht nur miteinander, sie fühlen auch miteinander, sehen sich an, nehmen sich im Halbdunkel des Bühnenhintergrundes in den Arm.

Nicht jede Spielszene ist sauber gespielt. Hier wird das Theater gerade durch seine Imperfektion glaubwürdig, hat aber noch Arbeit vor sich. Vor allem, wenn es nicht immer darum gehen soll, eine Version von sich selbst zu spielen. Was die Neuen Sterne schaffen, ist großartiges Dokumentationstheater.

Ihre Inszenierung ist mehr als eine zusammengestückelte Collage. Alles im gender_ding ist in Bewegung, geht in etwas Anderes über. Bei Weitem nicht nur die getauschten Kleider: auch die Bühnenbewegungen und Gesten, Musikstücke, Sprachen und Medien. Bei all dem ist das gender_ding nicht das große, universale Genderstück, sondern ein kleines, musikalisches Stück über die Hoffnung auf eine etwas größere Freiheit.