DAS GENDER_DING:
EIN BISSCHEN BELEIDIGEN

von Anna Theresia Bohn

“Ich möchte Euch ein bisschen beleidigen”, kündigt Hamed Ahmadi mit ironischem Schmunzeln an und streckt charmant dem Publikum beide Mittelfinger entgegen. In dieser Geste findet seine von ehrlicher Frustration und bissigem Humor geprägte persönliche Erfahrungswelt endlich einen Ausdruck. Es ist ein starker Moment für einen Eröffnungsabend – “das gender_ding”, aufgeführt vom Hamburger Hajusom-Nachwuchsensemble Neue Sterne. Stark wirkt so eine provokante Geste, weil sie ehrlich ist. Sie verweist auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit des Ensembles, sich einen Schutz- und Sprachraum zu schaffen. Umso persönlicher jedoch ein solcher Theaterraum wird, desto mehr muss er vor Trivialitäten geschützt werden. Die mutig erarbeitete Intimität der Darsteller kann nicht zur Geltung kommen, solange sich leichtfertige Stereotype vor ihr Spiel schieben. Stellvertretend für das Ensemble formuliert Elmira Ghafoori ein Versprechen: Die eigenen Ideen und Erfahrungen sollen die Basis ihres Spiels bilden. Inwieweit löst also die Produktion ihr Versprechen ein?

Der konventionellerweise abgegrenzte Theaterraum wird schon zu Beginn des Stückes aufgelöst: Filmisch spricht eine nicht anwesende Schauspielerin mit angeklebtem Schnurrbart vor einer Berghütte. Vorne übersetzt ein als Moderator fungierender Spieler auf einem Flaschenkasten sitzend ihren Monolog ins Deutsche: “Ihr seid beide Menschen. Warum schlägst Du dann Deine Schwester”? Dieser überdeutlich konservativ, fast regressiv wirkende Inhalt wird gebrochen durch die nebenbei anfallende Bemerkung, dass die Familie der Schauspielerin ihr den Auftritt verboten hat. Damit ist der Diskussionsraum real; der Spielraum eines politisch engagierten Dokumentationstheater abgesteckt. Immer wieder wird das authentische Spiel garantiert: “Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen”, bezeugt einer der Spieler. “Ich weiß es besser”, beteuert ein anderer. “Da lang”, ruft jemand dazwischen. Das Stück selbst weiß trotzdem nicht genau, wo lang es soll.

Die Suche nach einer Annäherung an dieses komplexe “gender_ding” gestaltet sich als schwierig: Auch Mario Barth hätte eine Leggins vor sich herwedeln und den Witz reißen können, dass die Strumpfhose platzen würde, wenn er sie anzieht. Währenddessen thematisieren die Spielenden über Musik und Kleidung dieses “gender_ding”: In horizontal geteilter Geschlechterzuschreibung (oben Hemd und Krawatte, unten Strumpfhose) dehnen die Spielenden ihre Körper mit Ballett-Aufwärmübungen – und entdecken sich durch ihre gleiche Kleidung als gleichwertige menschliche Körper. Dann wieder wird der Ansatz fallen gelassen und die Sprache dient als Annäherung ex negativo, denn das farsische “Jende” klingt zwar wie “gender”, bezeichnet aber Prostituierte. Es ist eine dieser Anekdoten, die sich unkommentiert an Sketch-Einlagen reiht. So spricht sich “Auto” manchmal wie “Autor” aus und führt zu Missverständnissen. Die Frage nach dem eigenen Geschlecht und den Geschlechterrollen zieht sich durch’s Stück als roter Faden: Immer wieder begegnet ein Spieler einem projizierten Selbstbild, unterschiedlichen Geschlechts, das er selbst spielt. Über Diskrimierung wird berichtet, über Geschlechterrollen wird gesungen. Kulturelle Referenzen blinken auf: Afghanische Graffiti-Künstlerinnen sowie Film-Ausschnitte aus “Osama” werden unkommentiert auf eine Plakatwand gespielt. Die einzelnen Sequenzen gruppieren sich entweder zu einer Folge (wie die musikalisch wunderbaren Einlagen) oder bleiben eine dramaturgisch unmotivierte Aneinanderreihung. So ist unklar, wieso die Tanzszenen, in denen sich die Spielenden finden, plötzlich durch die Rufe “Stop! Time-Out”! beendet werden. Das “gender_ding” war gerade überwunden, die Spielenden hatten sich als Gegenüber gewählt, in einem Moment des Durchatmens umarmt. Wieso der Bruch?

Sehr berührend sind die kleinen Offenbarungen, die nicht nur das Potential des Theaters unterstreichen, sondern auch die starke Energie des Ensembles wiederspiegeln. Umso schiefer stehen dem positiven Eindruck die zahlreichen Instanzen entgegen, in denen stereotypische Geschlechterrollen reproduziert werden: Männer sind von der Karriere gestresst. Frauen bewegen sich grazil. Mädchen sagen “Nein,” meinen aber “Ja”. So wird ein Habitus zusammengeschustert, der Geschlechterrollen trennt, das Publikum unterfordert und dem Anliegen der Spielenden nicht vollständig gerecht wird. Hier drängt sich die Frage auf: Wieso war keine Überwindung der Stereotype möglich? Ganz klar außer Frage steht, dass die Stimmen der Neuen Sterne gehört wurden.

Foto: Dave Großmann