Das geht ja runter wie Wasser

Der Theaterjugendclub „Sorry, eh!” hat sich mit „Einige Nachrichten an das All” ein sehr langes Stück vorgenommen , das auch noch von Leere handelt. Das klingt erstmal hart, wird aber durch eine pompöse Inszenierung und viel Spielfreude zu einem Genuss. Von Max Deibert

Das Ensemble hat auf die Kacke gehauen, oder, um genau zu sein: ins Wasser. Die Darsteller*innen tanzen, singen, musizieren, und beherrschen auch noch jede Menge Dialekte und Akzente. Man hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, sie seien auf die Bühne geschubst worden. Vielmehr suchten sie das Rampenlicht, die Nähe zum Publikum.

„Was machen wir denn dann hier?” — mit solchen offen formulierten Fragen hat das Ensemble die Zuschauer*innen adressiert; oft hatte ich Lust, ihnen direkt im Geiste darauf zu antworten. Der Humor des Stückes spricht alle Altersgruppen an, reicht von Slapstick zu medienkritischer Satire.

Mit großem Budget wird das Stück nach der Vorlage von Wolfram Lotz’ „Einige Nachrichten an das All” inszeniert. Ein Wasserbecken nimmt den Großteil der Bühnenfläche ein. Hier stampfen die in Neopren-Anzüge gekleideten Darsteller*innen umher, rutschen wie Pinguine über den Boden des Beckens. Sie suhlen sich im Wasser, begießen sich damit, trinken es und spucken es aus. Am Ende des Stückes ergießt sich ein Regenvorhang über die Darsteller*innen, auf den bewegte Bilder projiziert werden. Eine riesige LED-Wand an der Rückseite der Bühne unterstreicht die musikalischen Einlagen mit Licht-Effekten und transportiert die Idee des Theaters als grenzenloser Raum.

MIT SHAGGY DOG STORYS UM DIE LEERE KREISEN
Die Stärke des Ensembles zeigt sich in den Details. Wenn die spielenden durch Wasser tippeln oder in Storchenschritten am Beckenrand entlang staksen, beherrschen sie die verfremdete Gestik und Mimik perfekt. Die Figuren können in einem Moment klein und leise sein, im nächsten Moment mit speicheltriefendem Berliner Dialekt über eine andere Figur herfallen. Das alles geschieht mit einer spielerischen Souveränität, wie sie nur selten am Jugendtheater zu sehen ist. Live eingespielte Intermezzi mit Gitarren, Schlagzeug und E-Piano, beleuchtet von der Wand aus LED-Lichtern, halten das Energielevel der Produktion hoch, und das trotz der zwei Stunden Länge.

Die Handlung des Stücks: Eine Gruppe aus Darsteller*innen fordert in collagierten Szenen einzelne Charakterfiguren dazu auf, eine Nachricht an das All zu schicken, und zwar über eine große, gelbe Satellitenschüssel. Bei dem Versuch, anderen Wesen ihre Existenz nahe zu bringen, sehen sie sich mit eben dieser Frage selbst konfrontiert. Wie jemandem erklären, dass ich bin, wenn ich mir dessen nicht sicher sein kann? Auf der Suche nach der Antwort bedient sich das Ensemble verschiedener sogenannter Shaggy dog stories.

Eine Shaggy dog story (benannt nach einer Geschichte des Autors Ted Cohen über einen struppigen Hund) ist ein Witz, der auch gern mehrere Minuten lang geht und bei dem die anfängliche Prämisse scheinbar vergessen, am Ende im Zuge der Pointe wieder aufgegriffen wird. Ein Beispiel dafür ist der Song Albuquerque von „Weird Al“ Yankovic. Der Song beginnt mit der Geschichte, warum Al Sauerkraut hasst. Die restlichen 11 Minuten des Songs handeln von Als Lebensgeschichte, vollgepackt mit kuriosen Erlebnisse, die wie Mini-Pointen erscheinen, aber erstmal nichts mit Sauerkraut zu tun haben. Am Ende singt er dann: „But I guess the whole point I’m trying to make here is: I HATE SAUERKRAUT!“

Mit einer ähnlichen Technik arbeitet „Einige Nachrichten an das All“. Es sind Erzählstränge, die diametral zu denen des klassischen Theaters verlaufen, und in ihrer Offenheit Raum für eigene Schlüsse lassen. Antworten bietet das Ensemble dabei keine, das Stück inszeniert die Leere des Alls, und wer sich als Zuschauer*in nicht darin verlieren möchte, muss nichts weiter tun als sich treiben zu lassen.