Das eigentliche Drama findet
in den Köpfen statt.
It’s a repeat.

„Wunderland“ vom Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ am Schauspielhaus Leipzig ist ein Stück der Superlative. Es überreizt – die Ideen, die es thematisiert, die technischen und medialen Möglichkeiten, die es exzessiv nutzt. Es ist laut, oft charismatisch, das Publikum lacht viel. Gleichzeitig hat es thematisch hohe Ambitionen. Immer wieder stößt es sich in verschiedenen Formen an Mechanismen ab: wollen, scheitern, besitzen wollen, x-sein wollen, werden wollen. „Die Zukunft sein. Ich bin die Zielgruppe“. Inhalt auf Repeat. Eine Klischeeschlammschlacht mit Requiem-for-a-Dream- Soundtrack und König der Löwen.


Mehr Medium als Mensch

Bier und Käsebrötchen werden Hipsterkrams und Birchermüsli gegenübergestellt. Auch wenn sich die Themen wiederholen (oder wie im Falle der Heteronormativität omnipräsent sind), wird ihnen kein Raum für eine tiefergehende Auseinandersetzung geschaffen. Die Ideen sind Kinder ihrer Zeit, ihrer Austauschbarkeit überlassen, die Darsteller geben sich mehr als Medium als als Mensch.

In einer frühen Szene werden im Hintergrund auf Bildschirmen generische Pixel-Szenen gezeigt, Erwartungshaltungen erfüllt: Politik, Schöhnheitsoperationen, Autorennen. Das Bild, das entsteht, ist grell und macht dumpf. Das ist wahrscheinlich genau auf den Punkt getroffen: Die Szene über Fernsehen mit Fernsehen fühlt sich wie Fernsehen an. Es eröffnet allerdings auch keine neuen Perspektiven.

Stimmlich und körperlich überraschen die Darsteller mit der Präzision ihres Spiels. Immer wieder zeigt sich ihr kreativer Charme in kleinen Spielereien, wie einem überraschend eingebautem Trampolin. Einzelne Schauspieler wirken durch ihre deutliche, fließende, abwechslungsreiche Mimik und stimmige Gestik erstaunlich professionell. So werden Witze vom Kaliber „Vatis Schwanz, der ethisch rein gehalten wird“ glaubwürdig in das Stück eingearbeitet.


Irgendwo muss sich die Menschlichkeit abzeichnen

Der Zuschauer erlebt unausweichlich seine eigene Eingebundenheit in die dargestellte Kultur durch das, auch emotionale, Wiedererkennen der Lieder (Maria durch ein Dornwald ging, Popschnulzen). Gleichzeitig ist den Klischees die positive Projektionsfläche für die eigenen Gefühle durch die entleerte und unersättliche Darstellung der Schauspieler genommen. Dem könnte man sich vielleicht noch entziehen, wäre da nicht das Talent der Stimme, das einen berührt und öffnet. An dieser Stelle zeigt sich unentwickeltes Potential: Hier hätte Mut zum Absurdem oder ein bewussterer Umgang mit der Manipulation des Zuschauers eine treffsichere und aufwühlende Konfrontation schaffen können.

Manchmal gibt es Momente des Aufhorchens. Stellenweise schlagen sich Widerhaken des Persönlichen in die Leere. Die Menschlichkeit muss sich irgendwo abzeichnen in der rhythmisierten, durchchoreografierten, stilisierten Darstellung. Eine Figur, die sich vor allem durch wiederholte Thematisierung des Abnehmens auszeichnet, kommuniziert ein inneres Dilemma, nämlich, dass ihr Essen wichtig wäre, was offensichtlich in einem unlösbaren Spannungsverhältnis zu ihrem Diätwahn steht. Ob das ein Produkt von Aufmerksamkeiterhaschen oder ein Moment der Reflexion ist, es schafft eine haarbreite Öffnung zum Persönlichen, Dysfunktionalen, Unmittelbaren. Die anderen Charaktere reagieren routiniert genervt. Es gibt keine empathische Zuwendung im Wunderland.

Eines der wichtigsten vermittelten Gefühle ist das Gefangensein. Die pantomimische Darstellung eines geschlossenen Raumes hat zunächst, verstreut im Raum, unbeholfene Züge und findet dann schließlich doch seine Form in einem großen Kubus.

Gerade dieses Gefühl herauszugreifen, zeigt trotz seiner einfachen Symbolik eine innerliche Integrität des Stückes. Denn auch die gespielten Charaktere kommen nie aus sich heraus, oder besser: in sich hinein. Sie sind nicht lethargisch, sondern engagiert und auch empört und dabei geradezu unfähig, irgendetwas anderes zu tun, als diesen Zustand selbst aufrecht zu erhalten und auch auf andere zu übertragen.

Die Charaktere sind oft genervt, wenn auch auf spielerische Weise, ein Gefühl, das dem verwendeten Text von Gesine Danckwart nicht inne liegt. Ihr Genervtsein findet vor allem auf Genderebene statt, die Männer performen, wie einfach sie gestrickt sind und die Frauen rollen die Augen. Erleben wird zu Performance. Das passiert auch in der heterosexuellen Liebe. Im Wunderland wird Frau durch den Mann – durch seine Ferne und seine Blicke wird sie zur zarten Jungfrau, durch seine Liebe zur Furie. Das Stück zeigt eine funktionierende Geschlechteraufteilung, wie sie von der Gesellschaft zwar angestrebt, aber nicht realisiert wird. Gerade die wertvollen Momente echter Menschen, deren Komplexität aufeinander prallt und nicht innerhalb von Normen stattfinden kann, wird aus der Realität des Stückes verdrängt. Die Charaktere scheinen weniger zu straucheln mit der Unsinnigkeit oder Falschheit der präsentierten Ideen als mit ihrem eigenen Misserfolg. Sie brechen da zusammen, wo sie von einem wichtigen Job nicht zurückgerufen werden, wo sie selbst körperlich das Arbeitspensum nicht stemmen können, wo keine Nachfrage nach ihnen besteht oder sie ihre Performance nicht aufrecht erhalten können.


Ungestörte Zuschauermentalität

Dadurch und auch anknüpfend an die Bemerkungen zum Einsatz von Klischee und Stimme hat das Stück eine erstaunlich verträgliche Wirkung auf das Publikum. Der Zuschauer wird in seiner Gemütlichkeit kaum gestört, er stimmt den Problemen zu und kann gleichzeitig gönnerhaft lachen über die Geschlechterkonflikte. Trotz Obszönitäten im staccato, in denen sich die Brutalität einzelner Ideen demaskiert, wird systematische Gewalt zum Humorobjekt. Da fragen zum Beispiel die Frauen: Ist das wirklich so einfach? Und sofort antworten die Männer humoristisch abwertend: Ja, das ist es. Auch das ist ein mildes mundtot machen, auch das ist Brutalität, die als Futter für die Lacher verpulvert wird.

Anders als die Charaktere in „Girlsnightout“ erleben die Selbstdarstellungsmaschinen von Wunderland kaum Introspektion, es gibt wenig Passieren, nur Reproduzieren. Erzählt, serviert. Ständige Außenperspektive. Dead End der Möglichkeiten. Das Stück flirtet jedoch auch mit dem Anderen, das Gesine Danckwart selbst „das Große, Gewaltige, was das Leben ist“ nennt.  „Wunderland“ unterscheidet sich in seiner Textur und seiner ganzen Ausrichtung sehr von dem ihm zugrunde liegenden Text und büßt dabei dessen Grazie ein, doch bündelt es auch eine ganz andere Kraft in sich. Denn der ganze Lifestylelärm, der die Figuren davon ablenkt,  Menschen zu sein, kann auch provozieren, sich gerade davon nicht unterhalten lassen zu wollen. Das Stück, das durch seine verführerische Schnelligkeit und Assoziativität gewisse Qualitäten der modernen Medien widerspiegelt, erzeugt im kleinen Raum eine konzentrierte Version dessen, was wir oft erleben und es kann uns Fragen stellen. Wollen wir darüber lachen? Warum genießen wir Klischees? Warum gibt es ein Bedürfnis nach ihnen?


Foto: Dave Großmann