„das bin nicht ich“:
Provokation ohne Kontext

Die Lust an der Provokation ist groß. Die behandelte Thematik auch.
Leider mangelt der Inszenierung „das bin ich nicht“ an kritischer Reflexion und ästhetischer Überzeugungskraft.


Shoa, Flüchtlingskrise, neue Rechte – das und noch viel mehr will die Theater-AG der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld in „das bin ich nicht“ theatral bearbeiten. Peter Weiss’ als schwer spielbar geltendes Stück über die Auschwitz-Prozesse, „Die Ermittlung“, soll durch Facebook-Kommentare und eigene Texte mit gegenwärtigen politischen Entwicklungen verknüpft werden. Diesen großen Ambitionen steht kein angemessener ästhetischer Entwurf entgegen.
Es folgt schlicht Provokation auf Provokation: Zwischen Hasskommentaren, Beschreibungen von Folter und Aggression wird häufig „Fotze“, „Halt’s Maul“ und „Sieg Heil“ gebrüllt. Die psychische Gewalt wird in Form dieser unreflektierten Nachahmung weniger kritisiert als reproduziert, indem sie ständig als billiger Schockeffekt missbraucht wird. Es wird zum Genozid aufgerufen. Es werden rassistische Witze erzählt. Es wird gebrüllt und nicht kontextualisiert. Kein Phänomen wird in einen übergeordneten Zusammenhang gestellt, es findet keine Analyse statt, nicht einmal eine echte Positionierung gegen die Gewalt. Es soll einfach alles mit allem verbunden sein. Der Satz: „Zwischen Pegida und Salafisten gibt es keinen Unterschied“ wird zum Beispiel vielfach wiederholt.


Von der Nivellierung zur Verharmlosung

Übergangslos wechseln sich die Episoden aus der Gegenwart mit Gerichts- und Folterszenen ab. Die Unterschiede werden nivelliert, indem die Gewalt immer nur beschrieben wird, nicht aber mit theatralen Mitteln unterlaufen. Auch wird kein übergeordneter Zusammenhang hergestellt; es findet keine Analyse statt, die die grundverschiedenen Mechanismen aufzeigt, die etwa dem deutschen Provinzrassismus oder dem industrialisierten Massenmord zugrundeliegen. Die Nivellierung führt zur Verharmlosung: Pegida, Salafismus und die beispiellosen Verbrechen des Holocaust auf diese Weise nebeneinander zu setzen wird keinem der Phänomene gerecht.


Dramaturgische Schwächen

Genau das – Gleichsetzung und maximal zugespitzte Kontraste – nutzt die Inszenierung, um über ihre dramaturgischen Schwächen hinwegzutäuschen. Der Welt des Bösen wird romantisierter Kinderkitsch entgegengesetzt. Eine Schwärmerei, die zum einen die fehlende Kritik nicht ersetzen kann und die zum anderen umso unglaubwürdiger wirkt im Kontext der zur Schau gestellten Gewalt. Die Gerichtsszenen verkommen durch das ununterbrochene Brüllen von Fäkal- und Nazisprache zur Karikatur ohne aufklärerische Qualität. Das Vortragen von Facebook-Kommentaren büßt seine theatralische Wirkung nach kurzer Zeit ein, weil sie für den Zuschauer vorhersehbar werden. Die Darstellung der „Banalität des Bösen“ in Gestalt der Angeklagten ist fragwürdig, weil sie als bestialisch oder einfach nur dumm karikiert werden – das entzieht sie der Kritik.


Wo bleibt die Kunst?

Exemplarisch für die ästhetische Unbedarftheit der Inszenierung ist die Art, wie am Ende des Stücks Matthias Claudius „Kriegslied“ in die Inszenierung gepresst wird: Es ist wohl grundsätzlich vermessen, ein Gedicht aus dem Kontext des bayerischen Erbfolgekriegs zu verknüpfen mit Shoa und Nazis, mit Flucht und Vertreibung. Dieser Inszenierung gelingt es nicht. Noch schwerer nachvollziehbar ist die Idee, Claudius’ stille Leidenslyrik in brüllender Lautstärke von einer nah zum Publikum aufrückenden Chorphalanx  vortragen zu lassen.


Die Inszenierung könnte beispielhaft als denkbar schlechte Umsetzung von Weiss’ Vorlage in Erinnerung bleiben. Ihre politische Intention wurde verkehrt, die Gewalt reproduziert und verharmlost. Versuchte Aufklärung schlägt in ihr Gegenteil um.