„das bin ich nicht“: Was bleibt

Bei der Aufführung dieses Dramas soll nicht der Versuch unternommen werden, den Gerichtshof, vor dem die Verhandlungen über das Lager geführt wurden, zu rekonstruieren. Eine solche Rekonstruktion erscheint dem Schreiber des Dramas ebenso unmöglich, wie es die Darstellung des Lagers auf der Bühne wäre.
(Peter Weiss, Vorbemerkung zu Die Ermittlung)

 


Es sind die puren Fakten, durch die Peter Weiss‘ Text zu einer schrecklichen Vergegenwärtigung gelangt. Man könnte sagen, dass Ensemble von „das bin ich nicht“ hält sich meistens an die oben zitierte Anweisung. Sie tragen in einer mehr oder minder juristischen Art den Text der Zeitzeugen aus Auschwitz vor. Aber dennoch gibt es immer wieder Momente der Darstellung: Da ist der Wassereimer, der über ein Opfer geschüttet wird; der Angeklagte Nr. 2 des Prozesses, der ein Mädchen tötet; das Blut eines geplatzten Ballons, der einen Kopf darstellen soll; drei Spieler*innen, die sich wie in einer Gaskammer ineinander krallen. Warum diesen Todeskampf darstellen? Ist das nicht anmaßend? Derart ausschmückende Elemente lenken von den Zeugnissen der Überlebenden ab, deshalb sind sie ästhetisch und politisch nicht zu rechtfertigen. „Gestreifte Lagerkleidung, gelbe Sterne, Uniformen und Lederstiefel sieht man nicht“, heißt es zwar in der Jurybegründung, doch die darstellenden Elemente kommen dem gleich.

Es entwickelt sich ein energischer Drive: Als würde das Ensemble in einer Ekstase der Gewalt versuchen, sich ständig zu überbieten: Noch eine Zeugenaussage, noch ein widerlicher Hasskommentar, noch mehr schreiende Neonazis, die „arische F*tze“ rufen. Ist das nicht eine Reproduktion von Gewalt, die ein Theaterstück brechen müsste? Warum wird all das während der mehr als 100 Minuten schonungslos ausgestellt – ohne einzugehen auf die gesellschaftlichen, strukturellen Gründe für die dargestellte Gewalt? Nach kurzer Zeit weicht das Schockmoment des Stücks stumpfer Vorhersehbarkeit. Was dann eintritt, ist fatal: Langeweile im Angesicht der Shoa. Bleibt die Frage: Können Weiss’ Ermittlungen überhaupt als Ausgangspunkt dienen, um sich mit heutigen rassistischen Strukturen auseinanderzusetzen?

In einer pseudo-epiphanischen Szene in der Mitte des Stücks geht das Licht an, der ganze Saal ist plötzlich beleuchtet. Der Grund des Elends sei die Trennung, sagt eine Spieler*in dem Publikum. „Wir atmen, wir sind alle gleich“, sagt sie. Wir sollten alle wieder „nackt“ sein, unschuldig, undifferenziert die Welt betrachten, wie durch Kinderaugen. Das Motiv der kindlichen Unschuld zieht sich durch das ganze Stück: Gleich zu Beginn spielen Kleinkinder auf der Bühne, während eine Spieler*inn auf der Gitarre zupft. Es sind kitschige Bilder einer frühkindlichen Harmonie und Unschuld. Eine Offenbarung ist es aber nicht. Das Kindliche ist keine adäquate Antwort auf die unfassbare Gewalt, von der das Stück erzählt, es ist eine naive Verweigerung vor der Auseinandersetzung mit strukturellen Problemen.