„das bin ich nicht“:
Diskussion

Jurymitglieder Carmen Grünwald-Waack und Ilias Botseas im FZ-Gespräch über „das bin ich nicht“ der Theater-AG der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld.


FZ: Ihr beide habt das Stück gestern gesehen, zum zweiten Mal. Was habt ihr mitgenommen?

Carmen: Ich finde es bemerkenswert, dass sich eine Schulklasse eines solchen Themas annimmt und es so intensiv verarbeitet. Obwohl sie Folter und den Auschwitz Prozess darstellen, tappen sie nicht in die Falle zu behaupten, dass sie wissen, wie es im Nationalsozialismus zugegangen ist.

Es gibt bestimmte Figuren, die wir nicht einordnen konnten. Zum Beispiel die Ravioli-Mutter. Sie wurde auf abfällige und verletzende Weise als eine Person dargestellt, die nach Menstruationsblut stinkt.
Was hat euch das erzählt?

Ilias: Für mich steht die Figur für jemanden, der sich von der Gesellschaft komplett abschottet. Es gab auch noch die andere Figur, diese Kaugummi kauende Tussi. Das hat für mich einen Zusammenhang ergeben. Es sind Figuren wie aus RTL II. Ich denke, solche Menschen hat es auch damals gegeben. Für mich wirkt es wie ein Warnsignal, dass wir als Gesellschaft darauf hinarbeiten müssen, diese Menschen zu integrieren.

Ich habe mich gefragt, ob die Darstellung der Figuren nicht eher zu einer Distanzierung des Publikums führt.
Im Zusammenhang mit der AfD wurden vor allem die Ravioli-Mutter und die „Tussi“ dargestellt, als seien das die typischen AfD-Wähler*innen.

Carmen: Natürlich ist das verkürzt. Es ist exemplarisch gemeint.

Ich finde, gestern ist nicht nur verkürzt worden, sondern es fand eine politisch falsche Analyse statt. Für mich sind genau das die gefährlichen Erzählungen, die es in der Gesellschaft gibt.

Carmen: Aber das spannende dabei ist ja, dass die Spieler*innen sich nicht distanzieren. Sondern in sich suchen, was in ihnen steckt. Dass sie Bock haben, auf der Bühne auf einem Gerüst zu stehen und nationalistische Parolen zu rufen.

Welche Reflexion steckt darin, H*** H***** zu rufen?

Carmen: Wenn die Spieler*innen das tun, dann kann das Emotionen wecken. Und diese Gefühle werden reflektiert, indem gezeigt wird, dass diese einfachen Handlungen sich wiederholen können.

Also glaubst du, dass „Die Ermittlung“, der Holocaust, Auschwitz, rassistische Kommentare und dehumanisierende Beleidigungen nur benutzt wurden, um etwas zu lernen?

Carmen: Also was heißt hier „lernen“. Das entsteht als Effekt beim Publikum und darin ist es sehr stark. Dass es gesellschaftliche Mechanismen offen legt.

Muss man, um grundlegende, gesellschaftliche Mechanismen zu verdeutlichen, gleich die Shoa thematisieren?

Ilias: Das Publikum hier im Haus der Berliner Festspiele ist politisch fachkundig. Es handelt sich bei dem Stück aber um ein Schulprojekt. In Freiburg hat das Stück sein Publikum kalt erwischt. Es waren viele anwesend, die zum ersten Mal begriffen haben, dass derart rassistische Hasskommentare auf Facebook real existieren.

Mein grundlegendes Problem an dem Stück ist weniger die Reproduktion von rassistischen Bildern als deren Relativierung. Man kann nicht singuläre Ereignisse wie die Shoa nehmen und mit beispielsweise Hasskommentaren vergleichen. Das geht in eine Richtung, wo Wörter relativiert und verharmlost werden.

Ilias: Also, ich stimme dir zu. Ich verstehe, was du sagst. Dass sie Sachen eingeworfen haben. Dass da mehr dran hängt – und dann wird es so hingenommen und als banal dargestellt.

Soll die Darstellung also einfach den Effekt haben zu sagen, dass es alles schlecht ist?

Ilias: Es sind Erzählmuster. Ich glaube, diese Muster wiederholen sich schon seit 2000 Jahren.

Meinst du also faschistische Bewegungen? Ich finde, man muss das differenzieren. Das ist nicht alles ein Brei.

Ilias: Für mich sind das alles Muster. Und sie wiederholen sich auf der ganzen Welt. Ich frage mich: Wie kann ich das allgemein verhindern? Für mich ist das mit einem ganz einfachen Wort möglich: Aufklärung.

Aufklärung also. Es heißt ja auch im Programmheft, dass da so viel Licht ist, so viel Licht.
Wo ist es in diesem Theaterstück?

Carmen: Mein Lichtblick ist: Ein riesiges Ensemble steht auf der Bühne, von dem ich das Gefühl hab, die haben etwas fürs Leben verstanden. Dieser Erkenntnisprozess, der überträgt sich auf mich. Ich denke, wow, die haben echt was verstanden.

Und was haben sie verstanden?

Carmen: Sie haben verstanden, dass es rassistische, diskriminierende, die Gesellschaft negativ beeinflussende Mechanismen gibt, denen man leicht verfällt und die schwierig sind zu identifizieren. Indem man das verstanden hat, geht man vorsichtiger mit der Welt, mit den Informationen, die man bekommt, und den eigenen Handlungen um.

// feat. Max Deibert