Das Andere in Nahaufnahme

Am letzten Tag des 33. TjA eine Episode aus dem Sommer im Haus der Berliner Festspiele.

Ich habe verkochten Tafelspitz gegessen und dabei den Essayisten Eliot Weinberger gelangweilt und es war mir eine Ehre. Obwohl ich es verpasst habe, mit ihm über Indien zu sprechen.

Die Nahaufnahme des Treffen junger Autor*innen findet jedes Jahr als Teil des internationalen literaturfestivals berlin hier im Festspielhaus statt. Neben fünf Preisträger*innen vom TjA reisen zum ilb Autor*innen aus aller Welt an, lesen ihre Texte auf den unzähligen Bühnen des Festspielhauses, trinken Espresso und essen Selleriesticks.

An dem frühen Nachmittag, den ich meine, saß Eliot Weinberger draußen und rauchte Zigarillo. Am Tag zuvor hatte ich mir seine Essaysammlung Kaskaden gekauft und mich noch im Hotel festgelesen an einem Essay, der (glaube ich) Ein Traum von Indien heißt.

Ich würde gern den Titel sicher zitieren und euch Textbeispiele zeigen, aber ich habe das Buch nicht dabei. Leider. Beim Packen hatte ich es noch in der Hand, aber dann dachte ich: Du kannst nicht immer alle Bücher mitnehmen.

Jedenfalls sammelt Weinberger in diesem Essay Vorstellungen über Indien aus europäischen Texten von vor 1492 – ohne Kommentar. In den kurzen Absätzen flackert das Bild eines fremden Landes, das äußerst reich oder gewalttätig ist, in dem es Fabelwesen und rätselhafte Bräuche gibt. Ein Land, das anscheinend vor allem völlig anders ist als das der Schreibenden. Offenbar ist keine*r von ihnen jemals dorthin gereist. Dieses andere Land bleibt also weit weg und wehrt sich nicht mit seiner eigenen Realität.

Sie haben sich ein Anderes gesucht, das fern ist. Ein Anderes, das herhalten soll fürs Hin und Herwenden der eigenen Bedürfnisse.

Damit man wir sagen kann, braucht man die. Damit man Zivilisation sagen kann braucht man das Unzivilisierte, das Wilde. Das Andere.

Vielen Begriffen liegen solche Oppositionen zugrunde, und es ist entscheidend, dass auch durchscheint, wovon sie sich abgrenzen. Wann hattet ihr zuletzt das Bedürfnis, das Wort zivilisiert zu verwenden? Das Wort wir, wenn es sich nicht auf eine tatsächlich körperlich anwesende Gruppe von Menschen bezog, wie in Wir gehen noch Bier holen? Wie Okzident, normal oder Mann und Frau beziehen sich diese Begriffe auf Größen, deren Grenzen vom einzelnen Sprachgebrauch abhängen. Sie stellen etwas klar, das hartnäckig unscharf bleibt.

Die Stimmen in Weinbergers Essay bleiben in Europa stehen und sprechen über die Fremde. Weil die Möglichkeiten zu reisen natürlich eingeschränkt sind. Aber wenn heute die Variable des Anderen befüllt wird, mit dem Islam oder den Ausländern oder womit auch immer, werden erschreckend ähnliche Bilder bemüht. Unverdienter Reichtum, Verweigerung von Arbeit, eigenartiges Aussehen, unerklärliche Bräuche. Die auf keinen Fall erklärlich werden können, sonst verliert das Andere seine Bestätigungsfunktion für das Eigene. Eine weitere dieser Oppositonen.

Eliot Weinberger hat aufgeraucht, lacht oder antwortet hin und wieder höflich und entschuldigt sich dann zu einem Interview. Ich weiß nicht, ob er wirklich ein Interview gegeben oder sich nur elegant aus der Situation gerettet hat, mir und meinem kälter werdenden Tafelspitz gegenüberzusitzen. Das leuchtend pinke Buch steht jedenfalls bei mir zu Hause, und morgen, im Post-Festival-Blues, werde ich nochmal drin blättern, weil sich die Frage mir beim Schreiben immer stellt: Wo stelle ich mich hin, um zu sprechen, und auch: Wen drängle ich damit beiseite.

Foto: Von RobertK – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1069045