Da-Heim:
Soziale Kunst
aus Tanz und Theater

Ein großer Flauschteppich bedeckt die Bühne, und zwei Sofas laden zum Sitzen ein. Aber Gemütlichkeit kommt trotzdem nicht auf. Auf das Wohnzimmer auf der Bühne blickt das Publikum durch einen Vorhang aus Metallstäben. Und im Hintergrund läuft eine Collage aus jugendlichen Stimmen, sie erzählen vom Leben im Heim.

In dem Stück „Da-Heim“ bringt das Junge Schauspielhaus Bochum die Erfahrung, das Zuhause und die eigene Familie verlassen zu müssen, auf die Bühne. Das tut es mit mehreren Mitteln. Die elf Jugendlichen des Ensembles verkörpern Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, von Zuhause weggehen zu müssen. So spricht ein Darsteller aus der Ich-Perspektive von seinem gewalttätigen Vater. Dann werden zehn der elf Darsteller zu unbeteiligten Dritten, erzählen von einem Mädchen, dass von seinem Vater vernachlässigt und misshandelt wird. Währenddessen bewegt sich eine abseits der anderen, scheint diejenige zu sein, von denen die anderen erzählen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler werden zu Tänzerinnen und Tänzern, die Choreographien vorführen.  Manchmal bleiben sie abstrakt, manchmal enthalten sie eindeutig darstellerischer Elemente.

Immer wieder ertönen aus Lautsprechern Stimmen, die assoziativ von der Heimat, dem Heimleben und der Familie erzählen. Es sind, wie das Programmheft verrät, Aussagen von Jugendlichen, die in betreuten Wohngruppen leben. Einige von ihnen sind auch Teil des Ensembles.

Foto: Dave Großmann „Da-Heim“ ist vieles gleichzeitig: Es ist soziales Kunstprojekt, Theaterstück, Tanzstück. Das alles innerhalb von einer Stunde zusammenzufügen, ist eine schwierige Aufgabe. „Da-Heim“ schafft es nicht völlig, diese Aufgabe zu lösen. An einigen Stellen scheint es, als schöpfe das Stück nicht sein volles Potential aus. „Da-Heim“ mag aus der Arbeit mit Wohngruppenbewohnern entstanden sein – auf der Bühne sieht das Publikum aber nur Schauspieler. Der Bezug zur Welt außerhalb des Theaters wird zu einer Art Hintergrundwissen, es stammt aus dem Programmheft. Die Darstellerinnen und Darsteller verkörpern Rollen, sie tragen fremde Texte vor. Dass sie selbst zum Teil ihre eigenen Erfahrungen aufführen, dass hier ein Stück aus einem realen sozialen Projekt heraus entsteht – all das wird im Stück selbst nicht verarbeitet.

„Da-Heim“ nutzt die Verbindung von sozialem Kunstprojekt und Theaterstück nicht dazu, mehr zu sein als ein Theaterstück. Was in „Da-Heim“ letztendlich zu sehen ist, hätte auch ohne die Arbeit mit real betroffenen Menschen dargestellt werden können.

Auch bei der Verbindung von Tanz und Sprechtheater scheint es, als bleibe „Da-Heim“ ein bisschen hinter seinen Möglichkeiten zurück. Denn obwohl in „Da-Heim“ Tanz und Sprechtheater in ein Stück integriert werden, bleiben diese zwei Formen doch nebeneinander stehen. Auf Sprechtheaterszenen folgen Tanzchoreographien – doch das fügt sich nicht zu einem organischen Ganzen. „Da-Heim“ wird so zu einem Theaterstück, in dem es Tanzeinlagen gibt. Die werden zweifellos gut getanzt, obwohl die Gruppenchoreographien an einigen Stellen etwas akkurater, etwas synchroner hätten ausgeführt werden können.

Trotzdem ist „Da-Heim“ ein intensives Stück geworden. In Erinnerung bleiben vor allem die Szenen, in denen der Vorhang aus Metallstäben aufgerissen wird. Oder die Szene, in der der flauschige Teppich mitsamt der auf ihm stehenden Tänzerinnen im Brautkostüm ins Schwarz hinter der Bühne saust. Es sind eindringliche Bilder zu einem bewegenden Thema.

Fotos: Dave Großmann