Course of life:
Hechtsprung ins Leben

Bohrender Blick, ein Körper wie ein halbgespannter Bogen. Er ist wach, nicht nur körperlich, sondern auch geistig, scheint wild, vielleicht sogar wütend. Vielleicht auch nur auf Adrenalin. Gleichzeitig ist auch etwas Lockeres in seiner Haltung, als würde er eine Pause machen, Kontrolle gerade nur mit den Augen ausüben. Als warte der Rest des Körpers. Auf der anderen Seite des Raums liegt sie auf dem Boden. Er steht auf, rauft sich die Haare, die Geste wirkt dramatisch, er bahnt sich seinen Weg durchs Publikum. Bevor er die Musik anmacht, wirft er der Schlafenden einen Blick zu. Er hält nicht an, um sie zu betrachten, übergibt ihr keinen Moment gebündelte Aufmerksamkeit, der Ebenenunterschied tut sein Übriges. Er schreitet, er macht. Als er sich hinlegt, entspanne ich mich. Und gleichzeitig fügt sich das Bild seltsam zusammen: Sie schläft voll Neutralität, sein Körper strahlt noch von Erinnerungen des Anfangs, bündelt Erwartungen.

So beginnt das Stück „course of life“ von The Two aus Berlin. Wie sie auf der Seite ruht, sieht sie friedlich aus, ganz in weiß. Er, vom Gerüst, ganz in schwarz. Der Kontrast gibt sich dem Auge bedeutungsschwer: Schwarze Kleidung in seiner Konnotation mit düsteren oder zumindest ernsten Bedeutungsebenen, und das Weiße, die Unschuld oder Unbeschriebensein – weibliches und männliches Prinzip scheinen durch, ob gewollt oder nicht. Die Assoziationen sind zu viele und der Aufbau kann die Pole nicht auflösen, unterstreicht eher die Geschlechtlichkeit des Settings.

Die Tänzer*innen zucken im Schlaf, ein Bild, das mich berührt und überrascht in seiner Rohheit. Dasselbe Gefühl von Wunderlichem überkommt mich noch ein paar Mal über das Stück hinweg. Dieses Ausatmen, Aufatmen, verzaubert sein vom Einfachen, vom Unerwarteten, wenn sich ein starkes Bild unangekündigt entfaltet. Die Emotion bekommt nur ein paar Sekunden Zeit. Das Stück legt ein rasches Tempo vor, huscht manchmal einfach so an mir vorbei, während ich mich noch nach dem Aufkommen und Sinkenlassen eines anderen Elements zurücksehne. Das Tempo, das zum Gallop anlegt, und die gewählte Situation, zeigen sich als ein ungleiches Paar. Der kleine Raum baut eine intensive Stimmung auf, denn mit nur zwei Menschen kann man sich auf beide fast voll konzentrieren, kann ihren Atem hören, ihre Nähe spüren. Spannung knistert quasi schon durch die Anwesenheit von Körpern in so einem Verhältnis zum Publikum. Die Möglichkeit durch Langsamkeit eine Szene zu verdichten, bleibt häufig ungenutzt.

Sie ringen, die Atmosphäre gibt sich groß und ein wenig überspannt, sentimental durch die fröhliche Musik. Er setzt sie auf einen Stuhl und gibt ihr einen Stift und Papier. Im Rhythmus seines Trommelns muss sie den Stift führen, bis sie das Blatt mit seiner Spitze zerreißt und in einen unkoordinierten, energetischen Tanz ausbricht. Sie stellt sich vor das Publikum und zeigt ihm ratlos das Blatt, untersucht es mit animalischem Unterton, riecht daran. Was ist das? Was soll ich nun damit tun? Scheint sie zu fragen. Ich schaue den Schnipsel an, denke an mein Abitur und nicke innerlich.

Ein wundervoller Moment: Sie lässt das Blatt fallen, und wie es aufkommt, wird es dunkel, wird ein Spot gesetzt. Einfach, effektiv, ein stimmiger Übergang. Er beginnt durch das Licht des Scheinwerfers auf und ab zu laufen, sein Schatten beginnt sie zu überrennen. Alles passiert schnell, es gibt kaum Build-Up, er rennt stoisch von Seite zu Seite. Die Idee ist stark und klar in ihrer Sprache, doch wieder: Ohne Aufbau schafft es die Szene für mich kaum aus ihrem Ideencharakter heraus, kann nicht ganz körperliche Realität werden. Das Stück von The Two wirkt weniger großartig technisch kompliziert, als formvollendet und kreativ pointiert. Es ist meist nicht die einzelne Bewegung, die mich ergreift, sondern die Szene. Doch diese fegen vorbei wie Landschaften an einem Autofenster.

Wer ist er, sie so zu manipulieren? Frage ich mich irgendwann. Vielleicht niemand? Vielleicht eine einzige Metapher? Existiert er überhaupt als menschlicher Körper? Oder viel mehr als Schatten, als Rhythmus, als Dunkelheit. Eine spannende Entwicklung. Sie zeigt sich immer wieder als der sinnliche, kreative Part, sie entdeckt den Raum und ist gezwungen, ihn zu entdecken. Als zu Beginn ein roter Ball auftaucht, sehe ich schon kurz den biblischen Garten um uns aufblitzen. Einen Bruch empfinde ich nur einziges Mal, als auch sie ihn hebt.

Die guten Ideen reihen sich dicht aneinander: Sie fällt nach vorne. Stockender Atem im Publikum. Fast fällt sie zu weit, doch sie bleibt steif wie ein Stock. Durch gute Ausführung können The Two wieder mit einer einfachen Idee brillieren.
Es gipfelt sich immer weiter: Sie jagt den Mond, oder zumindest einen Lichtpunkt. Wie eine Katze hetzt sie ihm hinterher zu kitschiger Musik. Das Licht entkommt, wird gefangen, kann nicht gefangen werden.

Als sie sich im Licht dreht, werden all die Gedanken weggefegt. Das letzte Bild transportiert Stärke und Freiheit und meine Emotionen spiegeln das Bild, drehen los.
Als der Applaus beginnt den Raum zu füllen, ist mir als hätte ich einen Trailer gesehen und möchte mehr.


Foto: Dave Grossman