Contemporary
Kasperletheater

Click, Click, Bang. Computersounds im Remix, vom Hochfahren und Abstürzen, Fehlermeldungen und Doppel-Tabs, Elektro-Trash mit Video auf drei Screens – digital eklektisch geht’s los mit dem contemporary Kasperletheater, das die P14-Gang von der Volksbühne mitgebracht hat.Das heißt: Wir sind hier, mit Betonung erst auf Wir und dann auf hier. Lena und Leonce. Wie der Kosmos etc. pp nennen sie das, was eigentlich Leonce und Lena heißt. Den Namen auf links gedreht und das sprachliche Spiel ist auch szenisches Prinzip. Das Hantieren mit Versatzstücken, das Drehen und Wenden, Ein- und Aussteigen, Theater als radikal subjektive Wahrnehmungsmühle zu betrachten, haben sie an der Volksbühne zur Meisterschaft getrieben und das Performance-Internat P14 hat fleißig mitgeschrieben.

Tatsächlich hat man das Gefühl, drei Generationen auf der Bühne zu sehen, von gerade so performen können bis ausstudiert und Ende zwanzig, mehr Family als Jugendclub und alle sprechen sie die gleiche Sprache. Es ist eine Sprache, in der sich Büchner-Deutsch mit Privatismen mischt, in der sich das 19. Jahrhundert mit der digital bohème high fived, in der hin und wieder mal geschrien wird, ohne dass jemand wütend wäre, in der man schwitzt und sich verausgabt, in der die Dinge salopp gehalten werden und ironisch, in der man gegen Narration anrennt, in der man kokettiert und posiert, in der man die Affekte übt. Die Vorbilder sind so klar, dass man sie nicht erwähnen muss, aber wenn man von Familie redet, gibt es logischerweise Verwandtschaften – genealogisches Theater, das seine Wurzeln kennt.

Das ist ein Theater, in der Stücke, Stoffe, Allerlei nicht ausgelegt werden und gedeutet, in der sich kein Konzept über eine Erzählung legt, das sich mit Lesarten nicht zufrieden geben will. In dem auf der Bühne Leute stehen, die irgendwas zwischen SchauspielerInnen, PerformerInnen, Denkmaschinen sind, in dem man sich halt erst mal versammelt und dann guckt, was kommt. Das ist das Motiv des Kindes, das hibbelig darauf wartet, seinen Eltern zeigen zu können, was es da gerade zusammengebastelt hat. Und von hastig Zusammengeschustertem hat es ja tatsächlich etwas: Die szenischen Elemente stehen nebeneinander, als hätte man zu viel Tabs gleichzeitig offen, zwischen PUR und Techno-Beats gibt es keinen Link, auch zwischen den Texten oft nicht – nicht im Sinne einer Narration, die sich der Kausalität verschreibt. Tief reingreifen in die Assoziationskiste und dann präsentieren, was man so gefunden hat. Der L&L-Story wird nur so mehr oder weniger gefolgt. Im Feigenblatt-Style werden Akte und Szenen zwar angesagt, aber Öde, Flucht und Heirat nur angeteasert. Das Paar wider Willen, das dann schließlich doch will, wird zum Anlass genommen, das eigene Leben durchzudeklinieren und auf Bedeutung abzuklopfen. Was ist das für 1 Life und wie bleibt man auf dem Weg, wenn es sich hier überall verzweigt? Der Einstiegssong (Komm mit mir ins) Abenteuerland ist da Programm: Herrlich schlecht gesungen wird gesäuselt von Wegen, die nicht mehr zu sehen sind, Fluchtwillen und einem kleinen Jungen, der einen Hand in Hand mit ins Abenteuerland nimmt, wo dann Milch und Honig, Fuchs und Hase, usw.

Das Publikum also soll an die P14-Hände und sich angucken, was die so zu zeigen haben. Viel Klamauk z.B. und Self-Made-Clips zwischen Musikvideo und Heimatfilm, tolle SpielerInnen und Bock, Bock, Bock. In den besten Momenten hat das eine anarchische Kraft und Witz, Esprit, in den schlechteren ist es aber auch einfach sau boring. Wenn das Gefühl entsteht, es macht auf der Bühne mehr Spaß als beim Zuschauen, wenn das Publikum – trotz aller Offenheit in der Form – suspendiert wird. Dann verkommt Form zur Pose, performative Potenz zum Manierismus. Wenn sich die selbstbenannte Mischpoke aufmacht, um zu suchen und zu fragen. Wenn sie vorgibt, keine Antworten zu haben, fragt man sich, ob man es mit tatsächlicher Suche oder nur dem Bild eines Suchenden zu tun hat. Dann verkommt die, im Kern natürlich richtige Aussage, keine konsistente Beschreibung von Welt liefern zu können zur Binse. Sie wollen sich aber auf jeden Fall melden, wenn sie was gefunden haben. Ich sage: Bitte spart Euch die Antwort, aber meldet Euch trotzdem wieder – ich komme auch für die Suche gerne vorbei.


Foto: Dave Großmann