Comix:
Wie aus starren Posen
wieder Tanz entsteht

Farbiges Tape klebt auf dem Boden, es formt die Worte: Zack! und Boing! Ein schief geflötetes Intro von 20th Century Fox ertönt, während dreizehn schrill verkleidete junge Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne zum Leben erwachen: In Ringelpullovern und knallbunten Kleidern, die Mädchen mit Zöpfen und Geschenkbändern im Haar. Schon gibt’s das erste Gelächter in den Zuschauerreihen.

Aber „Comix“ von der Jugend Company 2 von Perform[d]ance aus Stralsund ist nicht einfach nur eine lustige Revue, zu viel Ernsthaftigkeit spricht aus der Haltung der Tanzenden. Comix ist ein Experiment mit einem ungewöhnlichen Bewegungsvokabular. Die Jungs und Mädels aus Stralsund verwandeln starre Comic-Bilder in fließenden Tanz. Eine paradoxe Aufgabe, deren Grenzen Comix konzentriert auslotet.

Jazzige Liftmusik plätschert aus den Lautsprechern, zwei Tänzerinnen in schwarzen Blazern treten vor, sie haben die Haare zu zwei strengen Haarknoten zusammen gebunden, tragen knalligen Lippgloss und riesige Hipsterbrillen. Mit verunsichernder Strenge nehmen sie eine Comic-Pose nach der anderen ein und halten sie für wenige Sekunden: das angestrengte Duckface, der überraschte Aufschrei, die kussmundige Pin-Up-Stellung.

Die eingefrorenen Posen stehen im Spotlight, die Bewegungen dazwischen erscheinen als bloßer Übergang. Verkehrte Welt: ein Tanz, der aus eingefrorenen Posen besteht – dabei ist Tanz doch eigentlich Bewegung!

Doch je mehr Comicbilder das Ensemble auf die Bühne bringt, desto komplizierter werden die Übergänge dazwischen. Bald formieren sich alle 13 Tänzerinnen und Tänzer bei jeder Pose neu. Langsam merkt der Zuschauer: Die Übergänge zwischen den Posen gehören doch zum Tanz. Sie sind sogar aufwendig choreographiert, sie werden immer ausführlicher. Bald springen und wischen die Tänzer im Broadway-Stil von einer Superhelden-Pose zur nächsten.

Je mehr die Übergänge in den Vordergrund rücken, desto mehr Scheinwerferlicht bekommen sie. Aber immer noch bleiben sie Übergänge, bekommen ihre Struktur nur von den starren Bildern, die kein Tanz mehr sind. Comix inszeniert ein Spiel aus Tanz und Nicht-Tanz und lässt dabei sowohl den Tanz als auch den Nicht-Tanz eigenartig und befremdlich wirken.

Foto: Dave Großmann Manch ein Wissenschaftler wird hier mit Freude die Arme hochwerfen und die Dialektik von Tanz und Nicht-Tanz weiter auseinander nehmen. Oder das Ensemble dafür rühmen, durch diesen Grenzgang den Gegensatz von Tanz und Nicht-Tanz grundlegend in Frage gestellt oder sogar dekonstruiert zu haben.

Wer das Stück aber genau verfolgt, hat keine Zeit für akademische Gedankenspiele, sondern schaut einfach gerne zu. Und freut sich zum Beispiel über die albernen und gleichzeitig so ernst getanzten Hüpfbewegungen zu einer Super-Mario-Dudelmusik. Oder schüttelt den Kopf über eine zehn-sekündige, geradezu dadaistische Tango-Einlage nach einer fulminanten Choreographie zur Titelmusik von „Pinky and the Brain“. Die Jugendlichen aus Stralsund sind in ein skurriles Tanzvokabular eingedrungen, und es ist ein Genuss zu beobachten, wie sie es durchbuchstabieren.

Fotos: Dave Großmann