„Blick nach vorn“: Clowns also

Clowns also, eine ganz andere Sprache. Nicht die mündliche, die im Alltag dominiert. Vielmehr eine traumhafte Sprache, reduziert auf Bewegungen und Emotionen.

Clowns erzählen vom lustvollen Scheitern und von endloser, ungebremster Neugier. Alles Erlebte ist neu und erstaunlich, als gäbe es eine unsichtbare Aufziehfeder, die die Clowns antreibt. Ihre Augen stehen weit offen, ihr Blick geht immer nach vorn.

Clowns, also. Dabei stand, so sagt Spielleiter Canip Gündogdu im Gespräch, gar nicht von Anfang an fest, dass überhaupt mit den roten Nasen gespielt würde. Die Szenen entstanden aus Ideen der Jugendlichen, er selbst habe nur Feedback gegeben. Es hätte, so Canip, auch ein Tanzstück werden können, oder etwas ganz anderes. Als Clowns haben die Darsteller*innen großartiges Timing. Sie trägt ein Strom von Musik, die Daniel Mando an der Gitarre einspielt, sampled und mit Live-Beatbox rhythmisiert.

Um das Geschehen ist eine Klammer: Wir hören Interviews der Darsteller*innen vom Band. Ohne, dass ihre persönlichen Erfahrungen als Geflüchtete ausgestellt werden. Sie machen deutlich, dass sich dieses Stück um keine clowneske Traumwelt dreht, keinen in sich geschlossenen Kosmos. Es geht um die Welt der Darsteller*innen, und zwar auf derart ernsthafte Weise, dass vieles Unwesentliche, Äußerliche weggelassen werden darf.

Übersetzt in die Sprache der Clowns verliert auch eine düstere Szene, wie die der Vermessung von minderjährigen Geflüchteten, nie ihren Spielcharakter. In dieser Szene zeigt sich, wie wichtig die Bühne als Schutzraum ist, auf den sich die Spielenden verlassen können. Man spürt die Gewalt, die realen Personen angetan wird, doch diese Gewalt ist gleichsam auf einen unsichtbaren Raum hinter der Bühne verlegt. Das Stück verweist auf sie, aber es stellt sie nicht aus. Sie bleibt ungesagt, was nicht heißt, dass sie ausgespart oder weggeblendet würde. Nur macht das Theater der Mindener*innen eben keine Vorschriften, will nicht zu einer bestimmten Reaktion verleiten.

Mich zum Beispiel erinnert die Szene im Freibad an ein Buch mit Wimmelbildern von Ali Mitgutsch, auf denen hunderte Figuren abgebildet waren, jeder bei einer eigenen, irgendwie verschrobenen Tätigkeit. Die Welt als unschuldig wimmelnder Kosmos. Die Szene ist voller Wärme und ungebrochener Freude. Und ich sitze auf meinem Platz, bin traurig, und frage mich ganz naiv, warum die Welt nicht immer so sein kann.