Cage:
Der gefangene
Zuschauer

Wie Aufziehmännchen sind sie gestartet: mit mechanischen Popping-Moves und silbernen Perücken. Am Ende performten sie eine bunte Disco-Show mit geblümten Kleidern und grellen Shirts. Das Stück „Cage“ von der Jugendtanzgruppe am Saarländischen Staatstheater ist die Geschichte einer getanzten Befreiung durch Tanz.

Die Jungs und Mädels aus Saarbrücken spielen mit dem Gegensatz aus Freiheit und Gefangensein. Hier die uniformen Roboter, die marschieren, ohne aufeinander einzugehen. Da die ungezügelten Charaktere im Discofieber, die sich bewusst entscheiden, synchron zu tanzen oder nicht, die spielerisch von Locking über B-boying zu House wechseln, ohne zu verschnaufen.

Das vermittelt eine klare Botschaft: Es geht nicht darum, immer anders zu sein als alle anderen. Sondern es geht darum, sich frei zu fühlen, an einer Stelle bewusst Anschluss zu suchen und woanders nicht.

Mehrmals treten Figuren auf, die sich nicht bewegen können. Während die Gruppe eine Performance nach der anderen auf die Bühne legt, kauert eine Tänzerin zitternd in einem metallenen Käfig, die Knie eng an die Brust gezogen, die Beine umschlungen. Sie kann nicht tanzen, der Käfig wäre dazu viel zu klein. Später kämpfen sich drei Figuren auf die Bühne, Frischhaltefolie presst sich eng um ihre Gliedmaßen, hilflos fallen sie zu Boden. Auf einmal wirkt die ekstatische Lebensfreude des wirbelnden Ensembles brutal: Sie nehmen keine Rücksicht auf die Gefangenen; sie lächeln, springen und kreisen, während die anderen leiden.

Foto: Dave Großmann.
Unwillkürlich findet sich der Zuschauer in der Rolle der Gefangenen wieder, die eigenen Knie berühren fast die Rückenlehne des Vordermanns, links und rechts hocken regungslos die Sitznachbarn. Der Zuschauer merkt, wie er selbst im Käfig sitzt, denn so richtig bewegen darf er sich nicht. Aufstehen und strecken wäre undenkbar, da ist das Anstandsgefühl unerbittlich.

Bald befreien die Tanzenden ihre Kollegen, zerren das kauernde Mädchen aus dem Käfig, schneiden die Gefangenen aus ihren Kokons aus Frischhaltefolie. Der Zuschauer aber bleibt gefangen, während das nun vereinte Ensemble unermüdlich einen Act nach dem anderen über die Bühne jagt. Beim Zuschauer stellt sich das Gefühl einer nicht enden wollenden Zugabe ein. Die Schaulust an der Performance wird müde, der eigene Bewegungsdrang wird wach. Wer gerade noch gefesselt zugeschaut hat, wird zum gefesselten Zuschauer.

Als der Abschlussapplaus kommt, ist das Stück zwar vorbei, aber der Tanz noch lange nicht. Die Zuschauer drängeln zum Ausgang: Jetzt dürfen sie sich wieder bewegen, jetzt bemerken sie eine Freiheit, die ihnen vorher noch selbstverständlich schien. Bleibt die Frage, was sie mit dieser Freiheit anfangen.

Fotos: Dave Großmann