Buntes Rauschen

Hach ja. Postdramatisches Theater. Immer wieder schön. Also wirklich jetzt: Ästhetisch und technisch war das gestern Abend ein richtiger Treat. Der Chor genau getimed, die Choreos perfekt getaktet, die Anschlüsse, die Tempiwechsel, die Rhythmik präzise. Die Leipziger*innen haben dabei einen wahren Roundhouse-Kick der Skills vollzogen: da wurde getanzt, gesungen, gebrüllt, gekichert, gezittert, Klavier und Gitarre gespielt, rumgehüpft, Saltos gemacht… you name it.

Dabei hat das Stück eindeutig keine klassische Geschichte erzählt, so mit Anfang und Ende und in der Mitte ‘ne Klimax. Da gab es keine klaren Rollen, die zueinander in Beziehung stehen und eine Entwicklung durchmachen. Nein, ganz in postdramatischer Tradition war das ganze eher ein Patchwork aus Assoziationen, Eindrücken, Ausschnitten, Momentaufnahmen.

Da war viel los auf der Bühne gestern: Das Stück arbeitete vor allem über seine Multimediali- und Interdisziplinarität: Laute Musik, von Elektro bis Indie, LED-Leinwände, Stroboskopeffekte, Nebelmaschinen und natürlich der Chor und die Choreos sollten Atmosphären erzeugen. So auch die Mittel der Übertreibung und Stilisierung, wenn zum Beispiel mit quietschigen verstellten Stimmen gesprochen wurde oder Männer und Frauen nachgeäfft wurden oder das teilweise rasante Tempo, immer im Takt, mit vielen Wiederholungen, dass so etwas Maschinenhaftes hatte.

Postdramatisches Theater halt. So weit, so (un)spektakulär. Ist mir auf jeden Fall erst einmal nichts Neues. Was nicht heißen soll, dass ich was dagegen habe, Wenn so ein Stück für mich funktioniert, dann kann das eine ziemlich geile Erfahrung sein: Ich komme dann in einen fast meditativen oder psychedelischen Geisteszustand, in dem ich wie in einem Strudel oder einem Sog immer weiter in die Untiefen und Ausbuchtungen von freien Assoziationen, Imaginationen, Erinnerungen, Ideen und unbestimmten Stimmungen und Gefühlen gezogen werde. Ein bisschen wie wenn man träumt.


Talkin’ ‘bout my generation

Ich weiß nicht genau, warum Wunderland bei mir nicht gewirkt hat. Dabei war es doch scheinbar wie für mich gemacht. Schließlich gehöre ich altersmäßig ja schon ungefähr zu der Kohorte, die sich da gestern Abend auf der Bühne reflektiert hat. Die vielen Referenzen zu großen Pop-Culture-Momenten der 90er und 2000er Jahre: Red Hot Chili Peppers, der epische Soundtrack von Requiem for a Dream, die legendäre Anfangsszene von König der Löwen, Kraftwerk, Pixies Kult-Hymne „Where is my Mind?“. Und dann die Schlagwörter und Tropen: vegan, low-fat, der Körper als Ware im kapitalistischen System. Das alles hat das Stück für mich sowohl zeitlich als auch kulturell ziemlich eindeutig verortet.

Warum wirkte das auf mich so abgedroschen, beinahe retro, ist doch eigentlich ziemlich aktuell? Habe ich schon zu viele solcher Stücke gesehen, so z.B. von Falk Richter oder René Pollesch? Warum habe ich mich so gelangweilt? Das war halt alles so Neon, so „Generation Praktikum“-mäßig. Irgendwie auch diese Art von hipper Gesellschaftskritik, die für mich so schnell in Attitüde und Beliebigkeit abdriftet.

Es gab Momente, die mir gefallen haben: Die unheimlich lange Pause während der die Darsteller*innen auf der Bühne liegen, die Musik sich immer wiederholt, und man das Fade-Out kaum mehr erwarten kann und die so mit der Spannung spielt, ob das jetzt das Ende ist. Das hat mich sehr angenehm an Jonathan Safran Foers „Extrem Laut und Unglaublich Nah“ erinnert.

Oder als der Darsteller mit seinem charmanten österreichischen Akzent Mutti und Vati erzählt: Ich bin euer Traum! Das war etwas, was ich dem abgekauft habe. Vielleicht war das aber auch nur der Akzent.

Ansonsten rauschte der Abend für mich halt so dahin, ab und zu kann ich mich noch an der Ästhetik und Technik erfreuen: Als das Podest sich öffnet und zur Seite fährt, man wird kurz vom Licht geblendet, dann Dunkel, Disco und Silhouetten tanzen zu Elektro. Klar sieht das supercool aus. Und der feierliche Abschluss, als alle nochmal gemeinsam Glen Hansards „Falling Slowly“ singen. Klar konnte ich mir da ein beseeltes Grinsen nicht verkneifen.

Aber die Inhalte? Der Text? Irgendein intellektueller oder emotionaler Mehrwert? Da hat sich bei mir nichts geregt, da ist alles irgendwie so vorbeigerauscht.


Foto: Dave Großmann