Bürgen schafft! –
Tod dem Tyrannen!

30 Jahre ttj, 210 Jahre Bürgschaft. Und wie das eben bei Jubiläen so ist: Blickt man zurück auf die Anfänge, muss man feststellen, dass manche Dinge gleich geblieben sind, und andere sich verändert haben.

So kommt einem die Ausgangssituation der Produktion Bürgen schafft! Ein Stück Schiller von der Theatergruppe Ludwigsgymnasium Straubing zunächst vertraut vor: Dionysos ist ein richtiger Tyrann, launisch und gefährlich, also gefährlich launisch, und Volk und Hofrat sind sich einig: „Der Mann muss weg!“

Und während die Textvorlage gleich in den Mordversuch Damons einsteigt, untersuchen die Straubinger zunächst, wer eigentlich zum Attentäter werden kann, und wie.

Damon ist der typische Verlierer-Typ, ohne Frau und echte Freunde. Er hat Geburtstag: „Und keiner hat mir gratuliert. Die anderen Jahre auch nicht.“ Aber dieses Jahr wird ihm gratuliert. Eine Art Auftrags-Gratulation der Gehilfin des Hofrats. Die Fäden werden ja meistens von oben gezogen. Und plötzlich singt man für Damon sogar ein Lied, „unser Lied“: „Tod dem Tyrannen!“ Und wenn man dann schon bei dem Thema ist: Wer macht es denn eigentlich? Das Ensemble legt gekonnt ironisch die Diskrepanz zwischen angeblicher politischer Einstellung und Handlungsbereitschaft offen: Die eine muss zum Frisör, der nächste hat schlechtes Karma. Außerdem: „Ich bin der Lila-Laune-Bär!“

Schließlich wird Damon in die Rolle des Attentäters gedrängt: Überfordert von der plötzlich überbordenden Aufmerksamkeit, kann er sich nicht erwehren, und schleicht zwar nicht mit einem Dolch, aber mit einer Sinalco-Flasche zum Tyrannen. Es sind keine Häscher, die ihn letztendlich in Bande schlagen, sondern Dionysos selbst – und zwar nur mit seiner gefährlichen Ausstrahlung. „Was meinst du, wie viele vor dir da waren.“ Die Spieler zeigen den politisch aktiven Menschen in seiner Ich-Bezogenheit und seiner punktuel-len Wahrnehmung: „Für mich bin ich der erste.“ Er holt sich selbst den Strick, an dem er aufgehängt werden soll. Gleichzeitig wird aber auch durch das Kreuzworträtsel deutlich, dass der Beherrschte dem Beherrscher intellektuell überlegen ist, und der Zuschauer kommt in die Versuchung, sich zu fragen, warum das Verhältnis nicht andersrum ausfällt.

Das liegt wohl unter anderem an Damons sympathisch schwächlicher Hilflosigkeit („Ich hab mich irgendwie verheddert.“) – die Figur tut dem Zuschauer eigentlich ständig Leid. Er hat es auch nur der Frau seines angeblichen Freundes zu verdanken, dass er die Hochzeit seiner Schwester erleben kann, denn sie verfrachtet den Bürgen zum Tyrannen, um sich am Hochzeits-büffet den Bauch voll schlagen zu können und von romantischer Liebe schwärmen zu können. Aus ist es mit fantastischen Vorstellungen von Freundschaft und bedingungsloser Aufopferungsbereitschaft.

Dieser Kniff zieht sich durchs ganze Stück: Wo Schillers Idealismus für den heutigen Leser Lücken zu las-sen scheint, füllen die Straubinger diese mit ganz menschlichen, egoistischen Motiven, die dem Prinzip der Rücksichtslosigkeit folgen. Das könnte einen beinahe deprimieren, wäre da nicht besagter Damon. Damon, der im Angesicht der Hinrichtung nur an seine Schwester denkt, die ohne ihn nicht mit dem „wahren Puma“ verheiratet werden könnte. Damon, der überhaupt nur den Tyrannen ermorden will, weil andere ihn dazu aufgefordert haben. Damon, der eben nicht den Bürgen an seiner Stelle sterben lässt, obwohl er damit sein eigenes Leben retten könnte. Mit der Rücksichtslosigkeit der anderen Figuren plädieren die Straubinger hier nur umso mehr für Menschlichkeit – und zwar ganz ohne Schillers Idealismus.

Die Figuren sind einseitig und überzeichnet, aber man nimmt es dem Ensemble nicht übel. Sie stellen keine Charaktere dar, sondern Typen, Prinzipien, nach de-nen eine Gesellschaft funktioniert. Es gibt die, die Angst machen, und die, die Angst haben. Dann gibt es noch die, die von dieser Angst auf merkwürdige Art und Weise profitieren, wie z.B. die Hinrichtungstouristen, die mit Bierkasten und Wimpel auf das Ereignis warten. Schade nur, dass man auf der Bühne niemanden sieht, der nichts mit Angst zu tun hat, der glücklich ist.

Glücklich dafür ist der Zuschauer, und zwar einen ganzen Abend lang. Die Spieler verkörpern ihre Figuren überzeugend und ehrlich. Keinen einzigen Augenblick zweifelt man daran, dass Dionysos nicht nur eiskalt, sondern auch unberechenbar ist. Man möchte auf die Bühne gehen, und Damon aus jeder seiner misslichen Lagen retten, nur um nicht mehr dieses Mitleid zu empfinden, und das Beste war: Man konnte immer wieder lachen. Die eine oder andere Schote hat man dem Ensemble gern verziehen (der „Puma“ trägt ein Puma-T-Shirt), denn insgesamt hatten Spiel und Choreographie Witz und Charme, die auf den Punkt kamen. Lieder, Sprechchöre, Dialoge und Körperlichkeit haben sich überzeugend abgewechselt. Die Bewegungen, das chorische Sprechen waren sauber aufeinander abgestimmt, Kostüm und Requisiten passten, und zum Schluss noch: Ein großes Lob an die Lichtregie.

Die Theatergruppe des Ludwiggymnasiums aus Straubing haben die Bürgschaft in den heutigen Kon-text setzen wollen, sie haben sie aus ihrem Blickwinkel betrachtet. Und das ist ihnen gelungen. Dionysos hält sein Wort nicht. Vor der verabredeten Frist lässt er den armen Bürgen hinrichten.

Der Zuschauer bleibt zurück mit der Frage, ob sich die Welt in den 210 Jahren so verändert hat, dass sich Schillers Ideale nicht mehr durchsetzen können, oder ob sich die Welt so verändert hat, dass man heute einfach nicht mehr glauben kann, dass sich diese Ideale durchsetzen könnten. Für die Straubinger jedenfalls war die Ballade wohl vor ihrem Projekt nur eine Wundermär. Zum Glück gibt es eben immer Dinge, die sich verändern (lassen).

Foto: Maria Henning