Breaking Mad

Zu „Core of Crisis“

 

Ich ströme mit den anderen Zuschauer*innen nach draußen. Ich bin entkommen. Meine Welt fühlt sich so heil an. Aber warum? Weil ich für zwei Stunden einer Welt aus Brüchen ausgeliefert war.

 

Ich will also über die Brüche nachdenken.

 

Zuerst einmal ist da der Text. Ein Text, der genauso klug durchdacht wie albern ist. Wobei, das muss sich ja noch nicht einmal widersprechen. Ein Text, der genauso ernst wie komisch ist. Es wird mit Wörtern gespielt, Redewendungen werden bis ins kleinste Detail untersucht und neue Bedeutungen aus der Tiefe der Sprache geschaffen. Und dann, zack, reimt die Psychologin “sorry” auf “story”, Ophelia gehts “so mittel” und das schlechte Englisch ihres Travel Diarys bricht mit bedeutungsschweren Monologen. Trotz der vermeintlichen Willkür fühlt sich jeder Satz aufs Genaueste konzipiert an. Die Brüche sind gezielt gesetzt. Sogar der Kontrollverlust fühlt sich kontrolliert an, vor allem, wenn er in Reimform ausbricht.

 

Die alte Welt der Familie, in der es Kuttelwurst und Weißkohl auf zerbeulten Metalltellern gibt, bricht mit der neuen Welt, in der es alles gibt. Innen- und Außenwelt treffen aufeinander. Brechen miteinander. Physisch, aber auch im Kopf.

 

Auch die Video-Projektionen sind für mich durch Brüche charakterisiert: Sie werden auf hintereinander gestaffelte und in Falten hängende Plastikplanenbahnen gestrahlt. Das Bild teilt sich im weißen Material auf. Gleichzeitig nehmen die zwei verschiedenen Kameras eine Situation und zerteilen sie in mehrere Blickwinkel. Und dann brechen sie mit dem Ton des Stücks. Auf Liliths tragischen Tod folgt der Anruf der quietschigen und im knalligen 70er-Jahre-Look aufgestylten Erinnyen. Die Pastelltöne der Zwillingskostüme treffen auf die schrillen Farben der Rachegöttinnen.

 

Lichtarme Szenen mit wabernder, elektronischer Musik und Stroboskoplicht treffen abrupt auf hell erleuchtete Bühnenbilder. Schweres trifft auf Leichtes. In Liliths Monolog trifft der böse, starke Zwilling im schnellen Schlagabtausch auf den schüchternen. Bäm, Bruch, Bruch, Bruch. Es bleibt keine Zeit, um der Vergangenheit nachzuhängen, keine Zeit für sanfte Übergänge, kein Platz für eine Verarbeitung des Geschehens. Die Form wird zum direkten Ausdruck des Inhalts.

 

Es werden Herzen gebrochen. Amors, als er seine Körbe erhält. Ophelias, als sie merkt, dass Amor und sie nicht mehr dasselbe unzertrennliche Team wie früher sind. Liliths, weil sie nicht dieselbe Liebe der Mutter erfährt. Und das der Mutter, weil Lilith tot ist.

 

Es wird Vertrauen gebrochen. Immer wieder. Vor allem das der Kinder. Der Monstervater. Die sich in Überlegungen und Ausflüchten verlierende Mutter. Die Personen, die den Kindern am meisten Halt geben sollten, sind die, die sie einsperren und umbringen. Auch die zur Hilfe eilenden Erinnyen erschießen zwar den Vater, lassen die Kinder dann aber trotzdem im Stich. Es kann auf nichts mehr vertraut werden.

Die Regeln unseres Alltags werden gebrochen. Der Follower wird verurteilt und verwandelt sich in einen Greis. Logisches Argumentieren wird zu subjektivem Argumentieren. Und auch sonst wird die Logik zerbrochen. Immer wieder gibt es neue Erklärungen für das Geschehen. Orte werden durch ein Klatschen in die Hände gewechselt. Bank, Altenheim und Zuhause existieren gleichzeitig und doch getrennt auf der Bühne. Plötzlich steht Lilith wieder neben ihrer Mutter. Es gibt keine Einschränkungen für das, was möglich ist. Die Frage, was jetzt wirklich wahr ist, tritt in den Hintergrund. Alles was Gefühl, was Gedanke ist, ist Realität. Die Geschichte könnte hier aufhören, aber auch ewig weitergehen.

 

Es gibt keine Sicherheit. Es kann sich auf nichts verlassen werden. Erwartungen werden wieder und wieder nicht erfüllt. Gleichzeitig gibt es einen atmosphärischen Rahmen, der stetig gleich bedrückend bleibt und aus dem nicht ausgebrochen werden kann. Nichts ist eindeutig, nichts lässt sich klar zuordnen. Es sind zu viele Bruchstücke, um sie wieder zusammenzuflicken. So viele, dass sie sich beim Versuch des Flickens zu neuen, verdrehten, verstellten und verklebten Bildern zusammensetzen, die immer nur einen kurzfristigen Halt bieten, bevor sie wieder zerbrechen. Eine zerbrochene Familie, eine zerstückelte Welt, die keinen ersichtlichen Ausweg bietet. Und in diese Welt tauche ich so tief ein, dass es schmerzt.

 

Lisa