Bloggen zwischen Privatheit und entgrenzter Öffentlichkeit

Bloggen bedeutete ursprünglich so etwas wie: ein Internet-Tagebuch führen. Inzwischen kann eigentlich jeder Text, der irgendwie online verbreitet wird, als Blog bezeichnet werden. Ist Bloggen im ursprünglichen Sinn überhaupt noch möglich? Und was macht es mit der Öffentlichkeit, wenn sie die Privatheit immer weiter in sich aufnimmt?

Da ist das Web, und da ist das Logbuch. Nimmt man beides zusammen, hat man ein Web-Log – kurz Blog. So viel zur Herkunft des Wortes. Aber was bedeutet es noch, wenn nicht nur Einzelne über ihre Städtetrips oder Lebensträume schreiben, sondern auch Großkonzerne, Ministerien oder Kulturinstitutionen eigene Blogs betreiben?

Das Tagebuch war etwas zutiefst Privates. Unter normalen Umständen wurde es – wenn überhaupt – erst nach dem Tod des*der Verfassers*Verfasserin veröffentlicht. Und auch das geschah eigentlich nur, wenn es irgendein öffentliches Interesse an der Person gab – wenn es um das Tagebuch einer Politikern oder eines Künstlers geht. Insofern war das Blog ursprünglich eine echte Innovation: Das Tagebuch ganz normaler Leute war plötzlich der ganzen Welt zugänglich – zumindest prinzipiell. Es entwickelte sich die „Blogosphäre“ – jenes Netzwerk innerhalb des Internets aus einander gegenseitig lesender Blogger*innen.

Hat es so etwas wie ein privates Schreiben überhaupt je gegeben, und ist es jetzt noch möglich?

Unwillkürlich änderte sich dadurch der Charakter des Tagebuchschreibens. Statt einen Text prinzipiell nur für mich über mich und mein Leben zu schreiben, denke ich jetzt im Wissen um weitere Leser*innen praktisch öffentlich über mich und mein Leben nach. Das Tagebuch, das mir früher vor allem beim Erinnern und Reflektieren über das Innere helfen sollte, erhält jetzt zusätzlich eine Sendefunktion: Ich teile der Welt irgendetwas mit, und damit auch immer im Hinblick auf etwas, was in der Welt, also draußen ist: im Hinblick auf bestimmte Diskussionen, Probleme oder Themen. Kurz gesagt: Mit dem öffentlichen Tagebuchschreiben gerät das private Reflektieren unter das Primat der Öffentlichkeit.

Das Tagebuch war etwas zutiefst Privates. Unter normalen Umständen wurde es – wenn überhaupt – erst nach dem Tod des*der Verfassers*Verfasserin veröffentlicht.

Doch war das nicht immer so? Musste man nicht schon früher fürchten, das private Tagebuch könne entwendet, und ver-öffentlicht werden? Müssen gerade die Schriftsteller*innen, Politiker*innen, Philosoph*innen, die oft zu den fleißigsten Tagebuchschreiber*innen zählen, nicht ohnehin damit rechnen, dass ihre Tagebücher eines Tages gelesen und genauestens analysiert werden? Und fühlt man selbst ohne diese Aussicht nicht immer schon durch den Akt des Schreibens und die Verwendung der Schriftsprache den Druck eben jener Öffentlichkeit, aus der diese Sprache stammt? Zugespitzt: Hat es so etwas wie ein privates Schreiben überhaupt je gegeben, und ist es jetzt noch möglich?

Mit dem öffentlichen Tagebuchschreiben gerät das private Reflektieren unter das Primat der Öffentlichkeit.

Wenn man einen hohen Anspruch zugrundelegt – wahrscheinlich nicht wirklich. Äußerlich, physisch ist Privatheit natürlich weiter möglich. Aber in dem starken Sinn, so zu schreiben, als ob es die Öffentlichkeit nicht gäbe oder als ob ihre Urteile und Ansprüche keine Rolle spielten, wohl eher nicht. Es erforderte wohl eine lange und ausgiebige Distanzierung von der Öffentlichkeit – oder eben die Anwendung einer wie auch immer gearteten Enthemmungsstrategie. Wenn demnach privates Schreiben immer nur maximal distanziertes oder enthemmtes Schreiben sein kann, wenn privat immer auch berauscht, besoffen, jedenfalls nicht ganz zurechnungsfähig heißen muss, dann ist privates Schreiben nicht nur erschwert, es lässt sich auch hinterfragen, wie wünschbar es noch ist.

Warum soll ich privat schreiben wollen, wenn das heißen muss: irrational, enthemmt, unklar, oder eben: aus einem Elfenbeinturm oder einer Hütte im Wald? Warum finde ich mich nicht damit ab, wenn ich vernünftig schreiben will, eben öffentlich schreiben zu müssen? Worin liegt das Problem, wenn das Bloggen das alte Tagebuch nicht nur praktisch, sondern auch prinzipiell verdrängt, wenn Bloggen zum Online-Schreiben überhaupt wird, wenn schließlich Schreiben mit öffentlichem Tagebuchführen identisch wird – wenn die Öffentlichkeit prinzipiell (oder durch Überwachung auch tatsächlich) alle ehemals privaten Regungen mitliest?

Warum soll ich privat schreiben wollen, wenn das heißen muss: irrational, enthemmt, unklar, oder eben: aus einem Elfenbeinturm oder einer Hütte im Wald?

Meine Antwort ist: wir sollten weiterhin privat schreiben können wollen, gerade, weil die Öffentlichkeit existentiell auf die Existenz einer abgetrennten, ihr entgegenstehenden, eben privaten Spähre angewiesen ist. Die Öffentlichkeit braucht das Andere des Privaten – schon begrifflich, aber mehr noch praktisch. Wo alles öffentlich ist, ist nichts mehr öffentlich. Wo sich erst alles an einheitlichen öffentlichen Maßstäben messen lassen soll, wird sich irgendwann nichts mehr an irgendwelchen Maßstäben messen lassen. Wenn das Meiste nach gegebenen Maßstäben unsagbar ist, ist es für die Meisten leichter, eher die Maßstäbe als alles, was sie sagen, über Bord zu werfen. Das Ergebnis sind soziale Netzwerke, in denen, gerade weil man sich im Internet, also in einer Öffentlichkeit befindet, gesellschaftliche Ver- und Gebote überschritten werden.

Die Öffentlichkeit braucht das Andere des Privaten – schon begrifflich, aber mehr noch praktisch. Wo alles öffentlich ist, ist nichts mehr öffentlich. Wo sich erst alles an einheitlichen öffentlichen Maßstäben messen lassen soll, wird sich irgendwann nichts mehr an irgendwelchen Maßstäben messen lassen.

Die Ausdehnung nicht allein der Möglichkeiten für technische Überwachung, Manipulation oder Nudging, sondern auch der informellen Kontrolle durch die potentielle Dauer-Anwesenheit der Öffentlichkeit bis in private Akte hinein, stellt die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre grundsätzlich infrage. Es ist eine Herausforderung, die sich kaum ein für alle Mal, sondern nur im täglichen Austarieren und Infragestellen angehen lässt. Wie sich Privatheit bei einer immer dominanteren, immer entgrenzteren, globalisierten (Internet)-Öffentlichkeit aufrecht erhalten lässt, wie privates Schreiben – und vor allem: privates Leben – in einem klassischen Sinn noch möglich ist oder ob Privatheit vielmehr in einem aktualisierten Sinn verstanden werden muss, kann kaum anders als durch ausgiebiges Experimentieren, viel Falschmachen und viel Korrigieren in kleinen Schritten über die Zeit immer besser verstanden werden.