BlickRück – Das TTJ ist vorbei

Der Raum ist frei. Die Menschen sammeln sich in der Mitte; am äußeren Rand sitzen nur einige wenige. Draußen, vor der Tür und im Foyer, da unterhalten sie sich, gehen immer wieder zum Ausschank. Das Bier ist frei.

Die Unterhaltungen an diesem Abend wirken wie eine Katharsis. Unter dem Einfluss von Gerstensaft fällt das Reden leichter; „diesen Teil, den hab ich nicht verstanden“, „ich fand Deine Kritik nicht fair“, „ich bin, ganz ehrlich, ein bisschen neidisch auf Euer Stück“. Aus zwei Gesprächspartnern werden drei, vier, fünf; beim Vorbeigehen hört man ein Schlagwort, da hört man einen Einstieg. Doch am Ende, wenn alles raus ist, die Wörter, die kommen wollten, auch gekommen sind, treibt es sie alle in den Raum hinein, auf die Tanzfläche, die so groß ist, dass man von der einen zur anderen Seite fegen kann; im Hüpfschritt an den Mittanzenden vorbeirauschen, Körper, die sich fast treffen, aneinander stoßen. Der Kopf ist frei.

Als die Bühne das letzte Mal betreten wird, fühlt es sich merkwürdig an nach dem Theatermarathon. Jeden Abend ein Stück, jeden Tag die Diskussionen zum vorherigen Stück, jedes Mal enttäuschte, aber auch glückliche Gesichter. Auf dem Festival-Gelände treffen sich die Köpfe, einige laufen bewusst aneinander vorbei, andere halten die Köpfe nach vorne, grüßen alle, die sie sehen und irgendwann mal getroffen haben. Im Zelt, da stehen sie an, um etwas von der Fassbrause zu bekommen; es schäumt, es dauert. Und wenn sie dann das Zelt verlassen, hinein in den kleinen Garten, halten sie kurz inne, schauen sich um, suchen den Tisch mit Leuten, die sie kennen; ein kurzes Winken, ein rasches Lächeln; beim Vorbeigehen wird noch schnell gepriesen, „ihr wart super gestern Abend“, weitergehen. Im Kopf, da ist eigentlich noch viel mehr. Informations-Overkill. Beinahe fühlt man sich schlecht für seine kurzen Sätze, will viel mehr sagen. Vorsichtige Annäherungen mehren sich, das nächste Mal, so beschließt man, setzt man sich an einen anderen Tisch. So funktionieren Festivals, so funktioniert Theater. Die Gedanken sind frei.

Irgendwann kommt die Zeitung. Beim Abendessen. Irgendwie sucht man darin auch seine eigene Stimme, will auch die eigene Kritik finden; vielleicht wundert man sich auch, dass man nichts kritisieren konnte und schlägt dann die Kritiken auf, um sich vom Gegenteil zu überzeugen, manchmal braucht man nur einen Anstoß, einen kleinen Schubs für eine potentielle Konversation. Erstaunlich ist das, wenn niemand mitbekommt, wie differenziert sie doch eigentlich in Diskussionen gehen, unterbewusst, weil es so viele Foren gibt: Das Festival-Gelände, das Zelt, der Garten, die Nachgespräche und, ja, die Bühne. Überall gestalten sich die Fragen und Antworten anders, die Atmosphären ändern sich; viele sind beim Mittagessen mutiger mit ihrer Meinung, andere warten bis zum Nachgespräch. Es gibt auch welche, die schweigen und einfach alles auf sich wirken lassen. Auch das ist erlaubt, auch das ist okay. Das steht jedem frei.

Als das Zelt zum ersten Mal mit Musik bespielt wird, bewegen sich die Körper noch sehr zaghaft. Es gibt Kreistänze, ja, Eisbrecher; sie sollen die Leute motivieren, die Tanzfläche zu stürmen. Viele lassen sich überzeugen, viele gehen früh, einige schauen verständnislos den Tanzenden zu, einige in freudiger Erwartung darauf, dass das Bier oder der Wein ihre Grenzen bricht und sie dann auch tanzen lässt. Die Zugehörigkeit muss gefunden, die eigenen Erwartungen an das Festival ergründet werden. Es gibt solche, die wollen so viele Menschen wie nur möglich kennen lernen, es gibt aber auch andere, die nur Theater sehen wollen und einige wenige, die vielleicht gar nicht wissen, was sie hier zu suchen haben.

Als die Bühne das erste Mal bespielt wird, am ersten Tag, da hat man sich schon begrüßt. Viele sind zum wiederholten Male hier, lieb gewonnene Menschen werden umarmt, beim Betreten der Wabe sieht man in der Ferne noch Freunde, ein kurzes Winken, ein rasches Lächeln, weitergehen. Sie setzen sich, die Vorfreude steigert sich, „diese Bühne, die wird mal meine sein“. Im Kopf kommen Bilder hoch, „diese Menschen, die werden mich dann beklatschen“, das Bühnenbild tritt vor die Augen, vielleicht ist das auch der Moment, an dem ein paar der Teilnehmer panisch werden; aus Ehrfurcht vor der Bühne, aus Angst vor der Diskussion, der sie sich dann aussetzen müssen, vielleicht auch einfach nur aufgrund von Lampenfieber.

Als am letzten Tag also aus dem Theaterraum eine Tanzfläche wird und – endlich – nach so vielen Tagen alles herausströmt, ist das ein befreiendes Gefühl, eben die Katharsis. Doch wenn alles raus ist, die Emotionen, die kommen wollten, auch gekommen sind – und das wissen sie alle – treibt es sie ja sowieso wieder zurück.

Die Bühne ist frei.