„Blick nach vorn“:
The Joy of Clowning

Clownsein ist Performance.

In der Kulturgeschichte des Clowns gab es nicht den Clown, sondern verschiedene Clownbegriffe. Anfang des 20. Jahrhunderts im nordamerikanischen Raum zum Beispiel in Form des „Hobos“, des Landstreichers, der als Vorlage diente für den Tramp-Clown. Er ist ein armer Tropf, ohne Arbeit; ein Tagelöhner; eine arme, tragikomische Figur. Oft ist der Clown das Objekt bestimmter Machtkonstellationen: der Arme, der Dumme oder sogar der Schwarze wie etwa in den Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts, in denen schwarze Stereotype zu komödiantischen Zwecken von Weißen inszeniert wurden. Macht ist eine Struktur, die Humor ermöglicht.


Manifest des Clownings:

§1 – Sei der Clown. Sei der Moment im flüchtigen Dasein.

§2 – Sei das Offene. Werde verletzlich.

§3 – Löse die Grenze zwischen dir und dem Anderen auf.

§4 – Wirf Dinge ins Publikum, die das Publikum so erfreuen wie Weingummi oder ein riesiger, aufblasbarer Globus.


Der Clown kann aber auch Ermächtigung sein. „Mitten im Gesicht ist die kleinste Maske der Welt“, schreibt das Ensemble WUNDERBAR über sich selbst. Das Ensemble transformiert sich und den Raum des Theaters. Kaum haben sie sich die Nasen aufgesetzt, fangen sie auch gleich an, schrullig umherzulaufen und zu gucken, sie überzeichnen jede Bewegung, begrüßen sich gegenseitig überschwänglich, rufen Hallo, Servus, Tach und Bitteschön.
Sie kommen als Geflüchtete mit dem Boot in Europa an. Sie schlafen, leben und waschen sich im Heim und lassen Kontrollen über sich ergehen.


I remain just one thing, and one thing only,
and that is a clown. It places me on a far higher plane than any politician.
(Charlie Chaplin)

Gleichzeitig legen sie durch ihre Clownhaftigkeit traumatische Bilder ab und verlassen aufgeladene Räume. Hauptsächlich geht es in dem Stück um Momente des direkten Kontakts, des Ankommens und der Zuwendung: Zueinander, zu dem Publikum (vgl. Clown-Manifest §3). Und das auf eine ganz eigene, skurrile Art. Das Ensemble eröffnet eine Art Traumrealität, in der Ereignisse nicht dargestellt, sondern spielerisch neu entwickelt werden. Es gibt eine Clownlogik, so wie es eine Traumlogik gibt. Die Traumarbeit ist die Aneignung von Problematiken und Räumen. Der Traum verarbeitet die Realität ganz persönlich. Selbst ein Alptraum ist eine intime Auseinandersetzung des Träumenden mit sich selbst, durch die er sich das Erlebte aneignet. Das Spiel der Clowns wird nicht zur Darstellung eines Problems, es wird ganz Ereignis. Wie die Seifenblasen, die ein Spieler am Ende bläst: Sie existieren nur im Moment (vgl. §1),
sie schimmern auf wie utopische Ahnungen und verändern doch als reale Objekte den Raum.


„Blick nach vorn“ verfolgt einen affirmativen Zugang. Durch Clownsarbeit verändert das Ensemble den Theaterraum. Die Spieler*innen eignen sich Worte, Situationen und Ängste an durch einen Remix erlebter Realität nach eigenen Regeln.