Blaubart:
Sechsmal buntes Sterben
für die ganze Familie

Eigentlich möchte Heinrich lieber nicht. Nicht reden, nicht küssen, nicht lieben, nicht sterben. Aber es ergibt sich eben immer so; er wird in einer Kiste geliefert, und dann wird er eingekleidet und mit einer Biografie ausgestattet, sechs Frauen zählen untereinander ab, welche von ihnen anfangen darf, und dann wird angefangen zu lieben, zu sterben, zu töten. Blaubart, die Hoffnung der Frauen, Blaubart, der Frauenmörder. Im Horoskop steht: „Sie werden heute jemandem begegnen und sie werden ihm immer treu bleiben – Heinrich.“
Heinrich möchte nicht, aber sechs Frauenfiguren knüpfen sich ihn vor, projizieren ihre Vorstellungen von Lieben und Leben auf ihn, sie wollen ihn ganz und vor allem nicht allein sein: „Heinrich, mach mir das Pony!“ Dabei will Heinrich doch nur seine Ruhe, auch wenn Küssen und Heiraten plötzlich ganz leicht geht, aber das Lieben bereitet Probleme. Er weiß sich nicht anders zu helfen: Er bringt sie um. Die Projektionsmarionette, die durchdreht. So jedenfalls will es das Ensemble der Freien Waldorfschule Berlin-Kreuzberg dem Zuschauer weismachen. Deswegen wird vorsorglich der Satz: „Wäre er sich seiner Bedürfnisse und Vorlieben überhaupt bewusst, dann wäre er derjenige, der auswählte“ gleich am Anfang des Stücks mindestens zweimal zu oft wiederholt: damit die Deutungsthese klar wird.

Man wäre gern zu seinen eigenen Deutungsthesen gekommen an diesem Abend, denn Dea Lohers poetischer Theatertext wirkt so wunderbar fremd, so wunderbar dicht, dass man ihre Sprache ebenso abtasten möchte, wie es ihre Figuren tun: „Ich möchte wissen, ob wahr wird, was man ausspricht.“

Leider kann man nur erahnen, worum es in Lohers Stück gehen könnte, denn den Darstellern gelingt es nicht, dem Text den richtigen Ton zu geben. Sie klingen so merkwürdig fern von ihrem Text, ihren Figuren – manchmal hört man den Spielern an, dass sie sich vorstellen: So muss man sprechen, wenn man vom ersten Sex mit dem eigenen Bruder erzählt. Manchmal hört man ihnen an, dass sie eigentlich gar keine Vorstellung davon haben, wie man spricht in diesen Grenzsituationen, in denen ihre Figuren sich befinden: zwischen Liebe und Einsamkeit und Gewalt. Der Text klingt zu oft aufgesagt und undifferenziert; als hätten sie ihre Figuren wörtlich genommen: „Erst die Worte, dann das Gefühl!“

Heinrich wird zum neurotischen Schwächling karikiert, die Frauen werden zu emotionalen Pulverfässern: Da wird geschrien und gewimmert und hysterisch gelacht und gerannt und gewiehert. Die Inszenierung der Berliner kippt immer wieder ab in den Klamauk, in die Parodie, durch die großen Gesten, die Provokation großer Lacher. Man fühlt sich manchmal wie in einer Zirkusshow, die könnte heißen: „Sechsmal buntes Sterben für die ganze Familie“. Dazu trägt auch die völlig unmotivierte Wahl des Bühnenbilds bei. Warum „Blaubart“ in einer Schulturnhalle spielen könnte oder sogar sollte, wird dem Zuschauer nicht klar. Sprossenwand, Sportbank und Kastenhindernis bleiben nahezu ungenutzt, auf dem Trapez wird offensichtlich nur fürs Optische geturnt, und dann gibt es zu allem Überfluss auch noch Stühle und Tische, die so gar nicht zum typischen Turnhallenmobiliar gehören. Das Ensemble hätte den ungewöhnlichen Ort, an dem sie proben (eine Turnhalle), für ihre Inszenierung produktiv nutzen, mit ihm umgehen können. So haben sie ihn aber ausgestellt, ohne einen Bezug zum Stück herzustellen, der darüber hinausgeht, das eigene Spielen zu thematisieren.

Denn in dieser Richtung könnte man auch ihren übermäßigen Einsatz von Requisiten erklären. Nur lässt der Tod durch ein „echtes“ Giftfläschchen, der echte Schokopudding, die Spielzeugknarre, das echte Messer, der Fleischbatzen als Herz-Ersatz, das Kunstblut und all die wirklich überflüssigen Requisiten wie Taschen, Koffer, Essnapf, Tücher und Geldscheine die Inszenierung einmal mehr wie puren Klamauk wirken, Spiel-Klamauk, und doch hat man nicht den Eindruck, dass dieser Effekt vom Ensemble intendiert gewesen wäre. Auch die Kostüme, bunt und krass und bauschig, dienen nur zum Transport plumper Gender-Aussagen: Heinrich und sein letztes Opfer tauschen die Klamotten, und so stirbt sie in grüner Männerhose, er in rotem Tüllrock.
Was Dea Loher in ihrem Stück tatsächlich über Konzepte von Männern und Frauen, Männlichkeit und Weiblichkeit, Macht und Gewalt, Liebe und Beziehung erzählt, wirkt seltsam unreflektiert in dieser Inszenierung. Die Frauen laufen einem Mann hinterher, der ist überfordert, kann am Ende aber doch brutalste Gewalt ausüben, nur gibt es zum Glück am Ende doch noch eine, die zurückschlagen kann. So bekommt der Brutalo letztlich, was er verdient hat, und den Weibchen widerfährt posthum Gerechtigkeit. Im Grunde sind sie ja alle doch einfach ein bisschen verrückt. Und insgesamt ist alles ziemlich witzig.

Man geht aus diesem Theaterabend mit dem Gefühl, dass genau so einfach das Ganze eben doch nicht ist. Nicht sein sollte. Man möchte Lohers Stück noch einmal sehen. Anders sehen. Um es abtasten zu können.