Blaubart:
Gut sein, ohne es zu wollen

Gymnastik und Reden: schön, aber unspannend

So wie nach jedem Stück habe ich mich auch gestern Abend gefragt, was Theater eigentlich sein soll. Tut mir leid, ich kann nicht anders. Und dann denk ich so vom Kleinen ins Große und wieder zurück. Zum Beispiel das: Kunst muss keine Fragen stellen, Theater muss keine moralische Anstalt sein. Bei der moralischen Wichtigtuerei, die man auf dem Theater bisweilen sieht, geht es oft genug um nichts anderes als um die Verwertungslogik von symbolischem Kapital, um das Machtinteresse des Sprechenden und nicht um die eigentliche moralische Frage. So sehe ich es immer, wenn Theater sich einen Weltverbesserungsauftrag anmaßt.

Reicht es nicht vielleicht, wenn es einen Weltverschönerungsauftrag erfüllt? Gerade da gestern Abend alles so hübsch war und wirklich gut gespielt wurde? Acht Darstellende, die alle eine Aura umgab, die alle schön waren und echt was konnten. Das hat mich auf jeden Fall glücklich gemacht. Aber wenn ich es jetzt dabei belasse, einfach l’art pour l’art und gut so, dann wird das Schöne leider sofort hässlich und droht mit einer Klage wegen unterlassener Sorgfaltspflicht. Also bitte ran an die Substanz.

Das Experimentieren, also der paradigmatische (und klischeehafte) Weltbezug der Jugend, war strukturgebend für das Stück; schon vom ersten Satz des Abends an: „Ich rauch ja gar nicht, ich tu nur so.“ Rauchen als erster Versuch des Erwachsenseins (qua Auflehnung gegen das Verbot und qua Adaption der Handlung) und So-tun-als-ob in der künstlichen Situation des Theaters, sozusagen unter Laborbedingungen. Die Dramaturgie war selbst auch experimenthaft (nicht zu verwechseln mit experimentell): Eine sechsstufige Versuchsreihe mit den Determinanten Frau und Heinrich. Mit dem Hereinrollen der roten Kiste (der kurze Auftritt der feengleichen Wissenschaftlerin?) wird der Stimulus gesetzt und los geht’s. Die Turnhalle setzt diesen Ansatz dann in ein Setting um. Schließlich ist sie ja auch eine artifizielle Umgebung, um mit Fertigkeiten des Körpers zu experimentieren.

Lediglich des Körpers? Nein. Das Motto war doch Gymnastik und Reden. Es ging natürlich auch um Gefühle, Gedanken und vor allem um Geschichten. Jeder hat sein Anekdötchen, seine Innerlichkeit zu erzählen: „Eis ess ich immer nur im Zoo. Da war ich zuletzt mit sieben.“* Oder die Entjungferung durch den Bruder, das Summen der Träume, die Sehnsucht der Prostituierten – für mich auch immer wieder die Geschichte, dass Erfahrungen sammeln, Experimente machen, eben seine Untiefen hat und man dabei sich selbst und andere durchaus in Gefahr bringen kann. Spannend eigentlich, aber gestern doch oft bloß eine Nummernrevue der Befindlichkeiten, verziert mit guten Texten und aufgepeppt mit einer Prise Mord.

Ich finde: Ein derart überzeugendes Ensemble und ein gespanntes und spannendes Publikum sollten sich nicht an einen solchen Jahrmarkt der Belanglosigkeiten verschwenden.
Micha

* Variation bei Woody Allen: „Seit ich nicht mehr rauche, bin ich ziemlich nervös.“ „Wann hast du aufgehört?“ „Vor fünfzehn Jahren.“

Foto: Dave Großmann