Bisous, Bisous, Gossip Girl

Foto: © Dave Grossmann

Undine findet sich plötzlich im 17. Jahrhundert wieder – dank Molières „Menschenfeind“.

S.O.S. Ensemble STIRB ODER SPIEL, JobAct, Ensemble Projektfabrik, Berlin und Witten
Frankreich, Anfang des 17. Jahrhunderts. Die französische Komödie befindet sich noch in den Kinderschuhen, im ersten Drittel des Jahrhunderts erscheinen nur eine gute Hand voll Stücke mit der Bezeichnung „comédie“. Molière (1622-1673) war um die 20, vielleicht so alt wie wir, als er seine Begeisterung zum Wander- und Jahrmarkttheater fand. Er trat einer Theatergruppe bei, die er später auch leitete, und zog mit ihr durch das absolutistische Frankreich. Bis zu seinem Tod schrieb er über 40 Komödien, die er nicht nur dem einfachen Volk, sondern auch dem Hofe bis hin zum König Ludwig XIV. präsentierte. Molière spielte in seinen Stücken oft die Hauptrolle, so ist er auch als ausgezeichneter Schauspieler eine Legende im französischen Theaterkontext. Kritik an Gesellschaft mit überzeichneten Karikaturen (L’Avare / Der Geizige), Kritik an der Institution der katholischen Kirche (Le Tartuffe ou l’Imposteur / Tartuffe) sowie autobiographische Themen (Le Misanthrope / Der Misanthrop oder der Menschenfeind) sind Kernstücke von Molières Werk, mit denen er sich nicht immer nur beliebt machte. Molière wurde durch seinen kunstvollen Umgang mit der französischen Sprache sogar teilweise als Nachfolger Racines, also DEM französischsprachigen Tragödienschreiber der damaligen Zeit, bezeichnet. Zu dieser Zeit zeichnete sich das französische Theaterwesen nicht durch feste Ensembles und Institutionen aus, wie wir es heute hier im deutschsprachigen Raum haben, sondern durch wandernde Theatergruppen, die dort spielten, wo sie einen geeigneten Ort fanden. Dieses rotierende Ensembleprinzip unterscheidet das französische Theatersystem bis heute von unserem. Das Theater der damaligen Zeit war für alle da und kam ohne die uns bekannten Konventionen aus. Es war laut, es wurde gegessen, es war vulgär, es gab keine Vorschriften.

 

Warum beginne ich meine Rezension mit diesem kurzen historischen Einstieg? Ich saß gestern in der Vorstellung und wusste in den ersten zehn Minuten nicht, wie ich das zu Sehende und zu Hörende einordnen sollte. Eine Gruppe mit einer unglaublich energetischen Spielfreude rezitiert im Versmaß und überzeichnet ihr Theaterspiel dermaßen, dass ich zunächst eine gewisse Abneigung verspüre: What the fuck? Dazu scheinbar random Licht- und Musikeinsätze, sodass die Produktion unsauber gearbeitet wirkt. Im Laufe der Inszenierung schlägt meine Skepsis jedoch in Begeisterung um, weil ich mich immer mehr einer Aufführungspraxis öffne, die dem Theaterwesen Molières gleicht. Ich werde im hier und jetzt abgeholt und ins 17. Jahrhundert versetzt.

Hinter mir sitzen drei Personen, die das Geschehen auf der Bühne zu jedem möglichen Zeitpunkt amüsiert und lautstark kommentieren: „Nein, das geht doch nicht“, „Ich komm‘ nicht klar, ich komm‘ nicht klar“, „ich pack‘ das nicht“. Was ich gestern noch als störend empfand, ist für mich heute ein gelungener Effekt des Theaterspiels. Die Gruppe hat es geschafft, das Publikum aus seiner modernen Theaterkomfortzone rauszuholen. Es müssen nicht immer alle still und leise auf ihren Plätzen verweilen und ab und an ein amüsiertes Kichern von sich geben. Wir müssen nicht jedes einzelne Wort oder jeden Satz im Theater verstehen und ihm irgendeine Interpretation zuweisen. Ich vermute, dass die Zuschauer*innen bei Molières Aufführungen auch nicht jedem einzelnen Handlungsstrang folgen konnten. Molière arbeitet oft mit Elementen der Verwirrung in seinen Stücken. Und selbst, wenn einzelne Szenen nicht verständlich sind, so bleibt uns trotzdem folgender Inhalt: Es gibt den adligen Alceste, der den Adel und damit die Klassengesellschaft für überholt hält. Sein Herz schlägt für Célimène, die blauhaarige Schönheit, der sonst auch noch viele andere Herren zugeneigt sind. Dass Célimène Alceste gerade wegen seines Adelstitels mag, löst in Alceste einen innerlichen Konflikt aus.

Bemerkenswert fand ich gestern außerdem die Übertragung des Primärtextes in den heutigen Kontext. In Molières Misanthrop ist sich jede Person ihrem sozialen Stand bewusst und reizt, bis auf Alceste, seine Privilegien vollständig aus. So stillt der Hofstaat z.B. seinen Drang, alles dokumentieren zu müssen, mit Smartphones und Tablets. Auch die Musikauswahl von renaissance-barocker Cembalomusik bis zum freaky-switchigem French Pop unterstreicht das Gefühl, zwischen den Jahrhunderten hin- und herteleportiert zu werden.

Die Auswahl des Stücks für das TTJ ist extra-spannend, weil sie uns näher an die historische Aufführungspraxis bringt und einem Grundgedanken des Molièrschen Theaters entspricht: Theater reist, Theater bringt Austausch. Bitte mehr Mut für Unsauberkeit, bitte mehr Offenheit für vergessene Theaterpraktiken, bitte mehr solches Theater.

 

Foto: © Dave Grossmann
Foto: © Dave Grossmann