Bildbühne

Es könnte auch im Nichts gespielt werden. Einfach nur der Boden, er könnte reichen. Und tatsächlich gibt es auch Stücke, die das tun, Kammerspiele oft, zwei Körper, die miteinander kämpfen, Bühne als Boxring, da braucht man nicht viel.

Doch Theater heutzutage ist selten mehr so leicht, vor allem auf den großen Bühnen. Es werden immer aufwändigere Bühnenbilder produziert, komplizierte Konstruktionen, die von Nach- bis zur Neubildung reichen, vom Abbild einer vermeintlichen Realität bis hin zu Träumereien. Über Kunst und Geld redet man zwar wenig, aber Theater kostet was, heutzutage mehr denn je.

Interessant ist, was wir beim Theatertreffen der Jugend alles sehen: Es reicht von relativ einfachen Bühnenbildern wie bei „girls! girls! girls!“ (zum Tanzen braucht man eben Platz), eher chaotischen wie bei „Müssen nur wollen“, cleveren und multifunktionalen wie bei „Revolution Reloaded“, bis hin zu aufwändigen, großen, sehr wahrscheinlich auch recht teuren Konstruktionen wie bei „Zu schön für diese Welt“, wo eines selbstverständlich ist: Wenn der Zuschauer den Raum betritt und ein Monstrum von Bühnebild vor sich hat, fängt er mit dem Nachdenken, Staunen, Fasziniertsein schon an, bevor das Stück überhaupt begonnen hat, es brennt sich in den Kopf, macht sich nicht so leicht vergesslich.

Das Kino und das Theater nehmen sich im Grunde genommen nicht viel: Zuschauer müssen in die Häuser gelockt, beeindruckt werden. Kammerspiele gibt es in den kleinen Läden, Geld wird damit aber wohl kaum verdient. Mit Technik hat man aber schon immer Leute fasziniert, seien es die ersten Farbbilder oder die ersten Science-Fiction-Streifen, die ersten Animations- oder die ersten 3D-Filme. Lässt das Zuschauerinteresse nach, wird die Branche nervös, sucht nach neuen Wegen. Im Theater ist das kaum anders: Es besteht großes Interesse daran, die Zuschauer an sich zu binden, damit sie immer wieder vorbeischauen. Es bringt ja nichts, wenn man untergeht. Zurzeit buhlen so viele Medien gleichzeitig um die Gunst und die Zeit der Konsumentinnen und Konsumenten, dass es völlig natürlich ist, wenn auch oberflächliche Lockmittel eingesetzt werden. Kommt ein Gelegenheitsbesucher in das Theater und sieht ein Feuerwerk an Effekten, beeindruckenden Bildern, die hängenbleiben, so kommt dieser vielleicht häufiger vorbei. „Was man so alles auf der Bühne machen kann!“, wird womöglich einer der vielen Kommentare sein. Große Investitionen lohnen sich also.

Ist das nun ärgerlich oder einfach nur der natürliche Lauf der Dinge? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht, jeder Regisseur, jedes Theater, jeder Intendant geht unterschiedlich mit den Herausforderungen um, jeder hat unterschiedliche Wahrnehmungen und Ansätze. Bei den einen geht es schief, weil oftmals Bühnenbilder ganze Stücke tragen, die ansonsten wohl ziemlich mittelprächtig gewesen wären. Bei den anderen funktioniert es wunderbar, denn vor allem die völlig absurden Traumwelten, die oftmals auf Bühnen gezaubert werden, verlangen nun mal aufwändige Produktionen und die sind heutzutage – zumindest in den großen Theatern – einfacher zu erschaffen denn je. Sogar Jugendclubs können es sich leisten, der Kreativität freien Lauf zu lassen, alles etwas größer zu machen. Als Beispiel sei hier wieder „Zu schön für diese Welt“ genannt, das mit einem aufwendigen Bühnenbild mit vielen Requisiten aufwartet. Technisch ist es auch recht aufwendig, da jede Kabine noch ein eigenes Licht hat und separat ein- und ausgeschaltet werden muss. Jugendtheater kann sich solche Spielereien in aller Regel nicht leisten, muss mit weniger auskommen und sich denselben Kriterien stellen, die an allen anderen Stücken auch angelegt werden, um ein Urteil über sie zu fällen.

Große Konstruktionen machen andererseits auch fauler, weil weniger abstrahiert, dafür aber umso mehr produziert wird. Jeder, der in der Schule Darstellendes Spiel hatte, weiß: Wenn ich behaupte, dass etwas ist, dann ist es das auch. Wenn ich auf einen Stuhl zeige und behaupte, das sei ein Auto, dann ist das ein Auto. Wenn ich darauf aber nicht mehr angewiesen bin, weil man es sich auch leisten kann, einfach mal ein Auto auf die Bühne zu fahren, dann geht etwas verloren, was in meinen Augen das Theater so einzigartig macht.

Foto: Dave Großmann