„Bartleby“:
Der Ententanz der Effizienz

Der erste große Verdienst des Stückes ist es, mir Lust auf Melvilles Erzählung „Bartleby der Schreiber“ zu machen. Gelesen von Christian Brückner, bekannt aus der VW-Werbung, ertönen verzerrt oder mit Hall Ausschnitte aus dem Originaltext. Und dazu Bibeltexte (passend zum Lutherjahr verfremdet aus dessen Übersetzung). Und (natürlich) laute Musik.

„Es soll ein angenehmer Abend werden“, wird in präziser Aneignung von Start-Up-Sprech wieder und wieder deklamiert, mit immer weniger Motivation und immer mehr mechanischer Hektik. Melvilles Erzählung wird uns von einer Agentur nahegebracht, die Kultur – easy learning! – leicht und unterhaltsam erlebbar machen will, und die gleichzeitig die sanfte Arbeits- und später Lebensverweigerung Bartlebys in die heutige Arbeitswelt spiegelt. Ein*e Mitarbeiter*in ist wie der*die andere, es gibt flache Hierarchien und kein Privatleben mehr, jeden Abend wird der Schreibtisch aufgeräumt und jede*r kann in den Shitstorm wirklich nur rein konstruktiv gemeinter Kritik geraten. Jeder Widerstand wird totmotiviert.
Leitmotiv ist ein altargleich präsentierter Kopierer und seine Geräusche, dieser wird gespiegelt in der Struktur des Stückes, das stark auf Wiederholungen setzt. Was im Text direkt benannt wird: „Jeder Tag ist nur eine schlechte Kopie des vorigen“. Gleiches gilt für die Szenen dieses Stücks. Das ist tatsächlich fast immer unterhaltsam, hinterlässt nur einen schalen Nachgeschmack: Warum wird so wenig auf die zugrundeliegende Erzählung vertraut? Warum so wenig auf die Suggestionskraft dramatischer Mittel? Keine der Szenen (ausgenommen vielleicht das Abschlussbild) bleibt, soweit ich mich erinnere, in einer doppeldeutigen Schwebe, alles wird erklärt oder durch Wiederholung vollständig aufgelöst, und auch das mit Ankündigung, denn genau so funktioniert ja easy learning.

Metaebenenfleißsternchen verdient sich KOM´MA zu Hauf. Als würde um den Ursprungstext nach und nach ein Spiegelkabinett errichtet, kommt eine Reflexion zur andern, dann werden die Reflexionen reflektiert und ironisch gebrochen, um als Sahnehäubchen auch noch die eigene Ironie mit augenzwinkerndem Extempore vorzutragen. Leicht verdauliche und wieder auch als solche angekündigte Wissenshappen („mampf, mampf“, kommentiert der Einspieler sich selbst) zu Melville, „Moby Dick“ und der Rezeption des „Bartleby“ in der Philosophie werden präsentiert. Dauernd wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine Erzählung handelt, eine Meistererzählung aus den 1850ern, und dass unser Arbeitsalltag heute übrigens nicht mehr 18 Stunden dauert, aber trotzdem nicht frei von Zwängen ist.

Immer mehr hatte ich während der Vorstellung das Gefühl, dass ich lieber direkt zum narrativen Kern der Inszenierung vorstoßen würde – ohne den Umweg über Reflexion und Reflexionsreflexion. Eine Geschichte, die aktuelle Bezüge und Reflexionen schon enthält, ohne sie derart auszustellen und immer nochmal zu wiederholen.

Die Inszenierung ist, was sie kritisiert: Stets verfügbar, lustig und motiviert, aber dabei doch nicht mehr als durch und durch effizient.

// Ansgar Riedißer