Babylon Berlin

“Babel” der Perform[d]ance Jugendcompany aus Stralsund leitet das 5. Tanztreffen der Jugend mit einer Fusion von Robert Wilsons Hörspiel “Tower of Babel” und Tanzkunst ein und sorgt für eine assoziativ-moderne Aufarbeitung des biblischen Mythos.

Wilson hat seine mehrsprachige Sound-Collage nach einem mathematisch-formalen Strukturprinzip konzipiert, in dem er mit Themen und ihren Variationen arbeitet.

Was bleibt, wenn Worte gehen?

Können wir an der Bewegung wirklich begreifen, was unser Gegenüber vermitteln möchte?

Können wir wortlos Hindernisse besteigen, zerstören, verwunden?

Zu Beginn steht die Allegorie der Unschuld: Ein Kind sitzt auf der ersten Stufe der Menschheitsentwicklung. Von Größenwahn und Chaos noch keine Spur. Sein Körper abgewandt vom Turm aus erdfarbenen Blöcken. Resigniert und in sich gekehrt. Es ist wohl das einzig konstruktive Element, das Menschlichkeit in individueller Form verkörpert. Während im weiteren Stückverlauf Massen agieren. Das Kind tritt immer als Ruhepol in Erscheinung, wenn die Masse versagt. Als sakrales Element der Entschleunigung mit Parallelen zur Jesusfigur.

Durch die neblige Sicht auf die Bühne fliegen akustisch biblische Erzählungen über Babylon. Dann wird der Turm von innen durch Tänzer*innen gesprengt, die danach am Boden liegen. Ähnlich der Wiener Version von Pieter Bruegels Gemälde „Der Turmbau zu Babel“ verschmelzen die ocker-beige farbenen Tänzer mit dem monumentalen Turm. Raupen verwandeln sich in Rise and Fall-Movements langsam zu scheinbar besseren Versionen ihrer Selbst. In Zirkulation eines natürlichen Rhythmus. Statische Hebefiguren erinnern an die Gebundenheit des Menschen an die Erde, denn Gravitation lässt die Darstellenden später wieder zu Boden sinken. Ihr Maximum an gottgleicher Höhe wurde erreicht.

Eine Diagonale wird zügig aus Blöcken errichtet – der Frontenbau. Fronten der scheinbaren Gegensätze: Fläche 1 getrennt von Fläche 2. Leben und Tod. Größenwahn und Ergebenheit. Mutter und Sohn.

Auf der Diagonale schreitet der jüngste Performant. Auf genau derselben Schräge kullert eine Tänzerin diese entlang. Alles in Slomo. Starke Assoziationen zu einer Mutter-Kind-Beziehung kommen auf.  Eine Arie füllt den Raum. Die Mutter bewegt sich erbarmungsvoll dem Kind entgegen. Das Kind schaut fokussiert nach vorne. Seine Mutter ignoriert es. In der Mitte treffen sich beide Fronten. Ein nahezu biblischer Kulminationspunkt. Wie Maria und Jesus vereint. Maria küsst die Fußspitzen ihres Nachwuchses, hebt es hoch und lässt es los – das Kind.

Keine Mutter besitzt ihr Kind. Mit der Geburt beginnt das Abschiednehmen. Eine Vielzahl der Eltern versteht nicht, dass das Kind bereits mit der Geburt sukzessiv davonscheidet. Hier beginnt bereits die erste subtile Verwirrung der Menschheitsbeziehungen.

Das ganze Stück versucht – getreu dem Hörbuch – Chaos und Verwirrung zu erwecken durch Diagonalen als Leitmotiv der Instabilität, aleatorischer Musik, Vielfalt von Tanzstilen und variierenden Tempi. So laufen Individuen, die eine Masse – eine Masse mit Todsünden – repräsentieren, während einer Opferungs-Szene in diagonalen Linien zu einem Mittelpunkt, welchen sie anbeten. Das akustische Material ist die Opferung der Iphigenie, vorgetragen in einem emotional labil wirkenden Voiceover der Mutter Klytaimnestra – ein weiteres Element der Verwirrung.

Beachtenswert ist die Nutzung der Blöcke, die neue Raumstrukturen im steten Wechsel gestalten. Räume, die bereits in der Akustik von Robert Wilsons Hörspiel wahrnehmbar sind.

Die strukturelle Form vom Hörbuchautor Wilson findet sich nicht immer konsequent im Tanz wieder. Was der Zuschauer jedoch empfängt, ist die Idee Hörkunst mit Tanztheater wirkungsvoll und präzise zu fusionieren.

Ist die Wesensart des Menschen Destruktion, Überwindung und ein stetes Gefühl des Ungesättigten?

UND AM ANFANG WAR NICHT WORT, SONDERN ZWITSCHERN – ein Stückende, das ganz schön am Ego kratzt und uns erdet.

Foto: Dave Großmann