Aussteigen auf freier Strecke:
WTF???

Man kann – höret und staunet! – leidenschaftlich schlecht spielen und ein leidenschaftlich schlechtes Stück auf die Bühne bringen. „Aussteigen auf freier Strecke“ gestern Abend war nicht einmal das. Da sind sieben Menschen auf der Bühne, haben absolut null Körperspannung, sprechen ihre Sätze halt so da hin und bauen völlig abstruse, naive Bilder, um ihre Ost-West-Geschichten zu erzählen. Im Hintergrund werden immer wieder kleine Filmchen eingespielt, die ablenken und dabei nicht einmal besonders spannende Dinge zeigen. Ständig wird ein Telefon herumgereicht, die eine Schauspielerin spricht zu leise, die Musik legt sich oftmals ungewollt über die Sprechenden, die – eben weil sie zu leise sprechen – sich nicht dagegen wehren können. Währenddessen: reger Betrieb am Tisch. Da passiert so allerlei, da werden Brote geschmiert und irgendwelche Sachen gegessen, die Figuren werden zu Privatpersonen, was sicher gewollt gewesen sein könnte, aber selbst so etwas kann man geschickt lösen, ohne abzulenken. So war es viel zu groß, viel zu riesig, insgesamt null Sinn für Feinfühligkeit, grob wie ein Streuselkuchen.

Dabei fängt das alles nicht einmal so schlecht an. Das Stück ist in den ersten fünf Minuten, wenn die Figuren präsentiert werden, sogar recht witzig. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sehen interessant aus, einige haben sogar einen Ausdruck im Gesicht, wirken eigen, zwei von ihnen schaffen es durch das Stück hinweg, wenigstens ein klein wenig die Katastrophe zu tragen, aber auch sie scheitern, weil es bei einem Ensemble-Stück gar nicht anders gehen kann. Spätestens in dem Moment, wenn sie sich hinsetzen und „Let it be“ singen, geht alles im Eiltempo den Bach runter. Die Spielerinnen und Spieler geben einfach auf. Schluss. Aus.

Unterirdisch: Die emotionalen Szenen, die in ihrer Inszenierung so eintönig sind wie das Piepen im Krankenhaus, wenn jemand dahinscheidet. Da kommt eine verzweifelte Dame an die Grenze, will hinüber, darf aber nicht, sie dreht sich Richtung Publikum, schaut gen Himmel, Video im Hintergrund, jemand möchte von der Mauer springen, cut. What the fuck? Ein Pärchen will über die Grenze hinweg. Die beiden haben jedoch null Chemie, spielen, als wären sie gerade zwangsverheiratet worden. Sie machen eine kleine Odyssee durch und kriechen über und unter einen Tisch, um das darzustellen. Ein typischer Fall von „Wir hatten eine konzeptuell gute Idee und konnten einfach nicht davon lassen“ – wie ein Autor, der überflüssige Sätze nicht streichen kann, weil er so sehr in sie verliebt ist. Die Idee mit dem Tisch ist eine an sich ja recht witzige, aber die Situation wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass man aus ganz anderen Gründen schockiert ist. Die Szene wird dem Inhalt absolut nicht gerecht, ist fast schon beleidigend in ihrer – schon wieder! – Naivität.

Es ist schlicht und ergreifend ärgerlich. Denn wenn nicht einmal Jugendliche es schaffen, das Ost-West-Thema neu anzupacken, für frischen Wind zu sorgen, das dokumentierte Material für ein spannendes Stück interessant zu verwerten – wer zum Teufel dann?