Aussteigen auf freier Strecke:
Ein gesamtdeutsches
Stück

Ich treffe einen aufgeweckten, zusammen gewürfelten Haufen aus sieben Berlinern an den pinkfarbenen Tischen unter dem Festivalzeltdach. Heute Abend spielen sie die „Mauerexpedition“. Ich frage, wie sie sich gefunden haben, was für eine Art von Stück uns heute Abend erwartet, wie es entstanden ist und was man vielleicht vorher wissen sollte, um besser mitzukommen.

Im Mai letzten Jahres sind einige von ihnen aufgebrochen um mit dem Fahrrad den ehemaligen Mauerstreifen abzufahren und dort mit der Kamera Interviews zu führen. Aus den Gesprächen mit Zeitzeugen unterschiedlichster Art ist eine Dokumentation entstanden. Dann wiederum wurden neue Leute am Jungen DT gesucht, um aus dem gesammelten Material ein Theaterstück zu machen. Das sei kein Problem gewesen, sondern spannend, sich neu zusammenzufinden und gemeinsam das Material zu entdecken. Jeder hatte die Möglichkeit, sich die Geschichten auszusuchen, die ihm gefielen und daran weiterzuarbeiten. Großer Zufall und großes Glück eigentlich, dass es sich nachher so gut zusammengefügt hat.

Gemeinsam haben sie noch weiter recherchiert, sind ins ehemalige Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde gefahren und haben die Interviewpartner noch mal wieder getroffen. Dabei waren alle Gruppenmitglieder gleichermaßen Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler. Es waren auch andere Formen für das Stück in der Diskussion, wichtig war ihnen, eine zu finden, in der klar ist, dass sie Vermittler zwischen der Figur – die es ja im Original als Interviewpartner gibt – und dem Publikum sein können. Dafür war diese „Laboratmosphäre“ genau die richtige. Heute fühlen sie sich sehr, sehr verbunden mit dem Thema und dem Stück.

Wenn sie sich für heute Abend ein Publikum wünschen dürfen, dann sollte dieses natürlich wach und interessiert sein. Das Stück sei auf jedem Fall eines, bei dem sich was öffnen könne beim Publikum. Für danach wünschen sie sich, dass keiner nach Hause geht, sondern alle im Festivalzelt bleiben. Zum Unterhalten, zum wirklichen Austausch. Sie würden auch die Gitarre wieder mitbringen. Der Mann mit der Volkspolizistenmütze sei auch auf jeden Fall sehr nett und lasse mit sich reden.

Aufgefallen sei ihnen noch, das man in diesem Mikrokosmos ttj kaum etwas von dem mitbekomme was in der Welt so vor sich ginge. Aber toll sei es hier auf jeden Fall, die Stückauswahl ist bunt und einen Unterschied zwischen den Berliner Jugendclubs und Schultheatergruppen aus kleineren Städten gäbe es keinen.

[Auch die FZ findet, dass der Aufforderung, wach um 20 Uhr in die Wabe zu kommen und auch so wieder rauszugehen, um im Festivalzelt Sause zu machen, unbedingt nachzukommen ist!]

Foto: Dave Großmann