Ausarten:
Wo ist DEINE Leidenschaft?

Die Bühne von Ausarten ist ein Spielplatz für alle Formen der Kunst: Farben und Leinwände, Klavier und Marimba, Reclamhefte und Bücher, eine Konzertbühne, eine Rampe, eine Projektionsfläche für Diashows – alles ist aufgebaut. Neun Schülerinnen und Schüler haben die Kunst für sich entdeckt. Sie definieren nach Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Kunst): Kunst seien „Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind.“ Und das tun sie: sie malen und musizieren und singen, sie tanzen und choreographieren, sie spielen mit Worten. Sie formulieren die ganze Bandbreite der typischen Ängste und Wünsche jugendlicher Künstler: Sollte man auf seine Talente setzen oder lieber einen klassischen Beruf wählen? Wird man berühmt? Bleibt man arm? Wird man weltfremd? Wie weit darf man mit seiner Kunst gehen? Verwoben werden diese Gedanken mit Mutmachparolen, musikalischen Intermezzi und humorvollen Karikaturen von Eltern und Lehrern, die den Jugendlichen die Kunst nicht zutrauen. Darin erkannten sich viele Zuschauer des gestrigen Abends wieder, so viel war da – mehr aber auch nicht.

Es fiel mir schwer, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie viele Schauspieler auf der Bühne waren, denn die Episoden und Anekdoten, die Parolen und Karikaturen, formten sich nicht zu bestimmten Charakteren. Das Stück wäre auch als Ein- oder Hundertmann-Stück vorstellbar gewesen. Nur manchmal, wie etwa bei der Beschreibung des Lampenfiebers beim Theatervorsprechen, oder bei der Anekdote über das Thalia Theater, das den Zuschauern in einem Experiment den Eintrittspreis frei wählen ließ, kam für einen Moment Empathie auf. Davon wollte ich mehr.

Das Stück kam nicht über seine Basis heraus: die Klischees, die Parolen, die Ängste – alles wichtig. Aber wie geht es weiter? Gern hätte ich von den Figuren, den dargestellten Charaktere gewusst: Warum treibst nun du persönlich deine Kunst, was bedeutet sie für dich, wo ist deine Leidenschaft? Oder mehr: Was ist deine Geschichte, Figur! Was ist deine besondere Angst, die über die altbekannten Klischees hinausgeht! Und: Wie interagierst du, als Figur, mit den anderen auf der Bühne, wie tauscht ihr euch aus, worüber kommt ihr in Streit?

Ohne diesen Tiefgang hatte das Stück bereits nach einer halben Stunde seinen Drive verloren. Da fiel dann der Blick auf die eher schwachen Choreographien, die Marimba-Intermezzi gingen in die Länge, ein plötzliches Radschlagen oder eine spontane Pantomime wirkten wie ein „Übrigens, das können wir auch noch!“, und zuletzt erschien es, als werde Wiener Walzer und Tango Argentino zur gleichen Musik getanzt. Ohne die Empathie zu den Figuren störte sich die Aufmerksamkeit auch an penetrant häufig wiederholten Wortspielen wie: „Nicht artig sein – andersartig sein.“ Die Worte „artig“ und „andersartig“ sind wuchtlose Ausdrücke, unfreiwilligerweise überraschend brav und un-ausartend. Auch der Abschluss war von unfreiwilliger Komik: „Kraft! Werk! Kraftwerk!“ Nanu: was hat Kunst mit einem Kraftwerk zu tun? Ist sie – technisiert?
Massenproduzierend? Bedrohlich? Wird etwas Materielles verbrannt, um immaterielle Energie zu gewinnen? Und als das Stück nach einer Stunde mit diesem Ausruf endete, wäre noch die schönste Zeit für authentische Geschichten junger Künstler auf der Suche nach ihrem Weg gewesen.

Foto: Dave Großmann