Ausarten:
Um wen und die Kunst
(Ausarten erwünscht)

Ja, ja, Kunst ist ein großes Thema, und mit genau diesem Thema wollte sich TAGGS mit ihrem Theaterprojekt „Ausarten. Um uns und die Kunst!“ beschäftigen. Mit Kunst, dem eigenen Verhältnis zu Kunst, Kunst als Lebensperspektive. Man freut sich vor der Vorstellung. Auch wenn das Programmheft verspricht: eine „ernsthafte Bestandsaufnahme.“ Man hofft einfach, dass es dann doch nicht so ernsthaft und noch nicht so Bestandsaufnahme wird. Sondern irgendwie Kunst.

Tatsächlich präsentiert das Schweriner Ensemble ein Potpourri aus Elternphrasen, Eingeständnissen, Definitionsversuchen, Kampfansagen. Man will „anders sein“, „auf dem Seitenweg beharren“, aber man hat auch Angst: „Ich kann alles nur ein bisschen.“

Die Spieler, sie sprechen gut, die Chorpassagen sind präzise, sie machen schön Musik, auch auf seltenen Instrumenten (Marimba heißt das!) und dann haben sie auch noch schöne Fotos von kaputten Häusern mitgebracht. Und sie können tanzen, und malen mit Farbe, auf Leinwände, auf sich selbst, da wird schon deutlich: Kunst macht echt Spaß.

Aber da wirft man unsicher noch mal einen Blick in den Programmtext – da steht etwas vom Kulturunterschied zwischen Fernem Osten und hier, der sich in einem unterschiedlichen Verhältnis zu Disziplin und Ehrgeiz manifestiere, da geht es um Geld und zu viele Projekte, Unzufriedenheit trotz Theaterjob, Notwendigkeit und Zeitmangel. Das steht da alles wirklich. Aber man vermisst es auf der Bühne.

Man hätte sich gewünscht, tatsächlich noch mehr über die Wünsche und Träume und Fragen und Schwierigkeiten der neun Jugendlichen zu erfahren. Warum sie denn nun eigentlich Kunst machen. Was Kunst für sie überhaupt ist. Sie geben Antworten, die zwar eindrucksvoll klingen, aber doch irgendwie nicht viel mit ihnen zu tun zu haben scheinen: „Sie will sich verschwenden an die Kunst.“ Man fragt sich, was das heißen soll: Sich verschwenden an die Kunst. In ihrem ironischen Spiel mit manierierten Künstlerphrasen, Eltern-Vorwürfen und allgemeinen Vorurteilen machen die Spieler keine eigene Position deutlich.

Man weiß ja: Kunst ist ein großes Thema, da kann nicht immer alles eindeutig sein und Antworten sind sowieso schwierig; aber gerade bei diesem Thema kommt man doch immer wieder an Punkte, an denen man sich entscheiden muss. Und genau da wird es spannend. Und genau das hätte man gern von diesem Ensemble gesehen. Wie entscheidet man sich dafür, Künstler zu werden? Kann man sich dafür überhaupt entscheiden? Und wenn man doch so gute Noten hat? Und wenn man sich doch auch für Physik interessiert? Und wenn man doch auch Angst hat, keinen Job zu finden? Und was passiert, wenn man tatsächlich an der Schauspielschule angenommen wird oder noch besser, tatsächlich als Schauspieler arbeitet: Hat man keine Angst vor dem Danach? Erfolgsdruck, Existenzangst, Angst vor Unzufriedenheit?

Obwohl die Schweriner versuchen, ein Kaleidoskop an Ansätzen zu bieten, um über Kunst (ja, Kunst!) nachzudenken, bleibt am Ende doch der Eindruck einer großen Sicherheit. Kunst ist echt cool, aber die anderen machen es einem immer so schwer. Na ja.

Bei aller wirklich beeindruckenden Präzision beim Sprechen, auch wenn Musik auf der Bühne immer rockt, auch wenn das Bühnenbild sehr gut gefallen hat, bei aller Vielfältigkeit und Kreativität – so richtig ehrlich ausgeartet ist das Schweriner Ensemble gestern nicht.

Foto: Dave Großmann