Ausarten: Ars Gratia Artis

Die Kunst, so heißt es, sei um der Kunst willen da. Ars gratia artis. Bei Adorno heißt es irgendwo sinngemäß, dass die Kunst dazu da sei, Unordnung zu stiften, für Claus Peymann ist gute Kunst „mit dem Auffinden der Wahrheit beschäftigt, und das auf durchaus vergnügliche Weise“. Und für Christoph Schlingensief hilft Kunst sogar gegen Terrorismus, weil wer Kunst hat, nicht mehr so leicht Terrorist wird. Überhaupt wurde zu dem Thema Kunst schon ziemlich viel gesagt. Die Frage, wozu Kunst eigentlich da ist, hat für mich trotzdem noch niemand richtig gut beantwortet. Vielleicht gibt es auch keine gute Antwort, aber die Frage zu stellen ist immer wieder spannend.

Spannend wird es dann normalerweise, wenn es um die Kunst Einzelner und die Entwicklung des einzelnen Künstlers oder um den Prozess des Schaffens von Kunst oder die Kunst als Spiegel einer Zeit und ihrer gesellschaftlichen Stimmung geht. Solche Sachen. Geschichten.

Und deswegen hab ich mich gestern auch so gefreut, dass sich die TAGGS aus Schwerin sich mit sich selber und der Kunst beschäftigen wollten. Eine Bestandsaufnahme, haben sie geschrieben, sei ihr Stück. Es ginge um die Frage, ob Kunst nach den (üblichen) Musik-, Gesangs- und Tanzstunden, den Schreibworkshops und Chorfahrten auch zur Lebensperspektive werden kann und soll. Welch eine unglaublich wichtige und interessante Frage. Was soll man mit seinem angebrochenen Leben anfangen?

Am Anfang, als der ganze, riesige Theaterraum bespielt wurde und sich aus dem Klischeeteppich immer wieder Pointen hoben, hab ich geglaubt zu wissen, dass es toll werden wird. Kommt ein Künstler zum Arzt, sagt, er habe seit zwei Wochen keinen Stuhlgang gehabt. Sagt der Arzt: Hier hamse fünf Euro, kaufen sie sich erst mal was zu essen. Talentiert nachgeäffte Erwachsene mit altvorderlichem Duktus.

Es war ein Kollektivkörper, aus dem Einzelne traten und Geschichten erzählten und zeigten, was sie in Musikschule und Co. gelernt haben. Es hat mich interessiert, wie das Vorsprechen bei den Schauspielschulen gelaufen ist, und beim „RRRRRR… Bäh Bäh!“ hab ich auch gerne zugehört. Dada gehört auf jede Bühne! Oder das anfängliche Spiel mit den Klischees und Idealbildern des Künstlers. Oder die Erörterung der Frage, was die Kunst den Leuten in Geld wert ist. Diese Momente waren präzise gespielt, gut gesprochen und spannend anzusehen.

Aber mit dem Fortschreiten des Stückes ist mir eine Sache immer mehr abgegangen und eine andere Sache hat mich immer mehr gestört.

Gestört hat mich das Überhängen von Tanz & Bewegung und Musik. Irgendwann fing ich an, mich zu fragen, wie und wann jetzt mit dem Tanzen und der Musik aufgehört wird und das Theater weiter geht. Versteht mich nicht falsch – die Musik war außerordentlich gut gemacht, vom Tanzen verstehe ich zu wenig, um über die Ausführung viel sagen zu können. Die Musik hat mich bewegt und gefangen genommen und das akrobatische Messerfuchteln auf der Papierrolle war ein prägnantes Bild und auch noch schön anzusehen. So wie viele der Bilder und Stimmungen sehr berührend gemacht waren.

Nur, dass Dinge, die sich schön anhören und wahrscheinlich auch schön anfühlen, nicht lange dauern dürfen, bloß weil sie schön sind.

Was ich statt (doch eigentlich irgendwie auch ziemlich kunst-handwerklicher) Musik und Tanz hätte haben wollen, ist die angekündigte Beschäftigung mit „ uns und [der] Kunst“, wie es im Untertitel heißt. Warum sollte man sich als Jugendlicher dazu entscheiden, nicht Lehrer sondern Schauspieler zu werden, that is the question. Es geht nicht nur darum, wie es ist, sich an der Ernst Busch zu bewerben, sondern auch (vor allem?) darum, warum man so etwas tun sollte.

Ich hatte mich darauf gefreut zu hören, ob es diesen brennenden Wunsch irgendwo ganz tief innen drinnen gibt: Kunst zu machen. Mich darauf gefreut, von diesem diffusen Gefühl zu hören, dass man erst in der Kunst man selber und ganz Mensch ist; von dem Wunsch, einmal wie [hier bitte einfügen] auf einem Sockel zu stehen. Und von der Angst, dass das doch nicht klappen könnte.

Aber die Antworten, die gegeben wurden, waren nicht die Antworten der einzelnen Menschen oder kluge neue Ideen, sondern nur die Worthülsen, die wir am Anfang schon mal gehört haben. Es hieß immer wieder „Künstlersein und Mensch bleiben“, am Anfang wie am Schluss. Von den Klischees und Idealen, den Wunsch- und Alpträumen, die am Anfang so prägnant und stimmig präsentiert wurden hätte ich mir den Schritt hin zur wirklichen Auseinandersetzung mit dem Traum und Alptraum Künstlersein und Künstlerleben gewünscht. Diesen einen kleinen, entscheidenden Schritt. Das Auffinden der Wahrheit, wie Peymann sagen würde.

Foto: Dave Großmann