„Aufschrei ist ein Label
geworden“

Im Januar 2013 hat der Twitter-Hashtag #aufschrei eine große Sexismus-Debatte angestoßen. Vor einem Jahr wurde er mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Ausgelöst wurde alles durch den Tweet einer Studentin namens Nicole von Horst. Ist der #aufschrei verhallt? Ein Interview.

Nicole, letztes Jahr im Januar hat Stern-Reporterin Laura Himmelreich einen Artikel darüber veröffentlicht, wie ihr Rainer Brüderle sagte: „Sie können auch ein Dirndl ausfüllen.” Einen Tag später ging es mit #aufschrei los. Hat Brüderle da ein Fass zum Überlaufen gebracht?
Es war nicht Brüderle, über den ich mich geärgert habe, sondern die Reaktionen auf Laura Himmelreichs Artikel. Im Internet haben ihr dutzende Leute vorgeworfen, sie sei selber Schuld an der Sache. Die Leute haben nicht geglaubt, dass Sexismus im Alltag ein Problem ist und Daten und Fakten gefordert. Und um solche Daten und Fakten zu liefern, habe ich über Twitter eigene Erfahrungen gepostet.

Einer deiner Tweets lautete „Der Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag.“ Kurze Zeit später schrieb Anna Wizorek: „Wir wollten diese Erfahrungen unter einem Hashtag sammeln. Ich schlage #aufschrei vor.“
Das war am 24. Januar. Und schon in den ersten beiden Wochen gab es rund 60.000 weitere Tweets. Ich war überwältigt. Ich konnte nicht glauben, wie sich das verselbstständigt. Auf einmal habe ich Artikel im Tagesspiegel veröffentlicht und wurde bei Stern TV eingeladen.

Screenshot via TwitterScreenshot via Twitter

Was hat die Bewegung #aufschrei bewirkt?
Erst einmal würde ich #aufschrei nicht als Bewegung bezeichnen, sondern als demonstrativen Akt in einer übergeordneten netzfeministischen Bewegung. Das Ziel war es, Alltags-Sexismus an die Öffentlichkeit zu bringen. Viele dachten vorher, das gibt es heute gar nicht mehr. Das Ding ist aber: Alltags-Sexismus ist so alltäglich, dass ihn viele gar nicht mehr bemerken.

Posten heute noch immer Leute unter dem Hashtag?
Mittlerweile hat eine antifeministische Community den Hashtag gekapert. Wer heute unter #aufschrei postet, wird von Usern beleidigt und bedroht. Das ist ein ganz normales Phänomen bei Twitter. So ähnlich ging es dem Hashtag #schauhin gegen Alltagsrassismus, der nur noch von Neonazis benutzt wird.

Ist der Aufschrei also verhallt?
Nein, ich glaube er klingt nach, unabhängig von Twitter. Es ist heute nicht mehr nötig, unter dem Hashtag zu posten. Der Begriff hat sich verselbstständigt, er ist in die Alltagssprache eingegangen. Er ist ein Label geworden, um Sexismus im Alltag zu benennen.

Ist das die Leistung von #aufschrei: Ein neues Bewusstsein?
Am Anfang ging es darum, dass Frauen bemerken: Sie sind nicht allein. Das ist ein starkes Gefühl. Mittlerweile hat der Begriff ein schärferes Bewusstsein geschaffen, um Sexismus zu erkennen und direkt anzusprechen.

Und doch hat #aufschrei die Ursachen für Sexismus nicht geändert.
Deshalb muss es nun auf anderem Wege weitergehen. Ich blogge regelmäßig und bereite Workshops und Vorträge vor. Vor kurzem habe ich zum Beispiel für Schülerinnen in Frankfurt einen Vortrag über Alltags-Sexismus gehalten. Aber es gibt auch politisch viel zu tun. Zum Beispiel gibt es im Strafgesetzbuch den Paragraphen 177 gegen Sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Dort heißt es, für eine Freiheitsstrafe bei Vergewaltigung muss eine „Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben“ vorliegen. Wenn eine Frau bei der Vergewaltigung einfach nur „Nein“ gesagt hat, ist das manchmal nicht genug. Hier müssen die Rechte von Frauen gestärkt werden.

Interview: Sebastian Meineck
Titelbild: Privat