ANNE:
VERMESSUNG
DER EIGENEN WELT

von Anna Theresia Bohn

Einen Schritt vor den anderen setzen. Pause. Eine Faust über die andere legen. Pause. Den Kopf auf die Arme stützen. Pause. Einer spricht, “gestern Abend hatten wir einen Kurzschluss”. Was hat es damit auf sich?

Das Junge Schauspiel Frankfurt inszeniert in ihrem Stück “Anne” Auszüge aus dem Tagebuch der Anne Frank. Oft erscheint im Theater der Text vordergründlich – vor allem, wenn es sich dabei um eine literarische Adaption für die Bühne handelt. Dabei wird der Schauspieler leicht unterschätzt, sein Schauspiel-Körper wird reduziert auf das Sprechen, denn es soll um eine möglichst klare Textwiedergabe gehen. Der restliche Körper ist eben da und steht oder sitzt oder läuft. Das ist in dieser Produktion zum Glück nicht der Fall.

Wir erfahren den Körper als eigenen Gegenstand. Die Schauspieler beschäftigen sich doch mit sich selbst. Selbstverständlich bildet das Tagebuch der Anne Frank ein starkes literarisches Fundament. Durch die geschickte Auswahl der Auszüge gelingt es dem Ensemble jedoch, sich respektvoll einem Kanon-Text zu nähern, der zumeist automatisch mit dem Nationalsozialismus kontextualisiert wird. Hier jedoch erscheint der Text im Spiel überdem als ein jugendliches Eingeständnis der eigenen Ich-Bezogenheit: Ich bin zunächst bei meinem ICH. Und danach erst bei den anderen Dingen. Das ist eine immens beeindruckende und mutige Leistung gemessen an der kulturellen Bedeutungsschwere des Tagebuchs.

So liegt es ganz in der Logik des Spiels, dass sich die Schauspieler mit ihrem ICH beschäftigen. Der Raum wird mit dem ICH vermessen durch Klang und Körper. Auf den ersten Blick zählt all dies zu kindlich anmutenden Taktiken gegen die Langeweile. Was gibt es auch zu tun, außer mit sich selbst zu spielen? Es werden einzelne Handlungen vollzogen, wie beispielsweise Haarsträhnen als Messinstrument benutzt und Purzelbäume geschlagen. In der ständigen Wiederholung dieser einzelnen Handlungen erbaut sich jedoch graduell das Gefühl von Enge. Es ist kaum auszuhalten, und doch ist eben dieses sich-Aushalten überlebenswichtig. So bricht die Ruhe um in Panik. Was auf den ersten Blick noch Spaß war, kippt plötzlich über ins Neurotische. Das immer wieder auf den Gesichtern erscheinende, breite Grinsen erscheint zunehmend als symptomatisch für die Entgleisung der Gesten. So führt eine scheinbar alltägliche Familienszene mit den üblichen Misskommunikationen zur totalen Eskalation der Emotionen. Bei all dem Bemühen des ICH-Seins schleicht sie also die beängstigende Hysterie ein. Auf diese sehr subtile Weise entsteht ein sinnlicher Gesamteindruck, der umso kräftiger und beklemmender auf das Publikum wirkt. Der Versuch, sich an diese extremen Erfahrungen von Anne Frank anzunähern, ist den Schauspielenden gelungen.

Dabei findet eine berührende und poetische Wendung statt. Die historische und literarische Figur der Anne Frank, die Schutz erfahren hat, transformiert sich durch die Textlichkeit ihres Tagebuches nun zur Helferin und Schutzgebenden für die Schauspielenden. Es ist genau dieser Kanon-Text, der den jugendlichen Schauspielenden einen Raum bietet, ihr eigenes Privates auszudrücken und sich gleichzeitig durch den vorformulierten Text nicht preisgeben zu müssen. So spielen alle Spielenden die Figur Anne mithilfe der eigenen Körperlichkeit. Dennoch ist zu bemerken, dass dieser ästhetische Gesamteindruck manchmal dadurch gestört wird, dass das Spiel an einigen Stellen sehr stark und an anderen Stellen etwas schwächer wirkt.

Zuletzt noch eine Bemerkung zur fragwürdigen letzten Szene, in der ein übergroßes und Licht werfendes Auge umgedreht wird. Eine überdeutlich mit Symbolhaftigkeit aufgeladene Requisite. Warum diese stilistische Entscheidung? Gerade im Vergleich zum geschickten und schlichten Einsatz der vorherigen Requisiten schleicht sich durch dieses Unding an einem Auge plötzlich eine ungewollte Komik ein. Wie viel beeindruckender war die Szene, in der ein Spieler sich eine Grubenlampe aufsetzte und das im Dunkeln sitzende Publikum nur mit diesem Licht immer wieder anleuchtete! So einfach kann existentielle Bedrohung und Angst erfahrbar sein. Und wie eindringlich das Arrangement der Regale und die gut getaktete Verschiebung gewirkt hat! Warum also die mit dem Vorhergegangenen brechende Wahl des gigantischen Auges? Auf was will uns das Auge hinweisen? Darauf, dass ein Beobachter seit Beginn an präsent ist und durch den Verrat (durch einen bösen Blick) dem Ganzen ein Ende setzen kann? Oder verweist das Auge auf Anne Frank, die immer noch präsent ist und durch ihr Tagebuch auf uns einwirkt? Oder ist es eine Referenz an die geisteswissenschaftliche Strömung des Transzendentalismus, der im Symbol des Auges eine alles-wahrnehmende-Einheit anstrebt? All diese Fragen jedoch stellen sich schon durch das Spiel selbst und verleihen ihm seine Stärke. Das übergroße Auge braucht es nicht. Darauf darf vertraut werden.

Foto: Dave Grossmann