ANNE:
IMMER DIESER
BETROFFENHEITSSCHEISS

Eine Spurensuche zur Emotion im Theater
von Lydia Dimitrow

Zwischen hohen Metallregalen, mit Plüschtieren, Blechdosen und Kartons, inszeniert das Junge Schauspiel Frankfurt den Tagebuchtext von Anne Frank mit großer Behutsamkeit und gleichzeitig ganz ohne Angst vor dem ikonischen Stoff. Die Spieler zerlegen den Text in Einzelpassagen, in seine Emotionen, seine Nuancen, und sind so mal laut und frech, mal zart, mal verzweifelt, mal wütend, mal liebevoll. Sie geben aber auch der Leere einen großen Raum. Der Stille, die so oft im Hinterhaus geherrscht haben muss. So lassen sie dem Zuschauer Zeit, wirklich einzutauchen in diese Welt, in der das Draußen nur noch durchs Fenster existiert. Es geht aber auch um den Lärm, den die Bewohner drinnen (im Hinterhaus) ja nicht machen dürfen, der aber von draußen umso unerbittlicher eindringt (Luftangriffe durch Blechdosensound). Und dann gibt es noch diese Momente, in denen die Stille so übergroß wird, dass alles umschlägt, in Kreischen, Dröhnen, Krach.

Die Spieler vertrauen dabei ganz auf den Text von Anne Frank (“Mir kommt so viel hoch”). Selbst nach dem kurzen Einschub aus Leon de Winters und Jessica Durlachers Stück “Anne”, der zusammenfasst, was nach der Deportation aus den Bewohnern des Hinterhauses geworden ist, kommen sie zurück auf den Tagebuchtext und überlassen so Anne Frank das letzte Wort. Dabei geben sie den dramaturgisch klug miteinander verwobenen Passagen ihren ganz eigenen Ton. Sie flüstern, schreien, weinen, lachen, ohne den Eindruck zu vermitteln, sich wirklich einfühlen zu wollen. Der Prozess, dem sie da auf der Bühne nachzugehen scheinen, ist vielmehr ein Greifen nach dem Text, ein Sich-Aneignen, ein Offenlegen der Reibungsflächen und der Andockpunkte, die sie am Text gefunden haben. Der Satz “Ich weiß genau, wie ich gern sein würde” wirkt wie das Motto der Inszenierung, als sei “Anne” eine Suche nicht nur danach, wie Anne Frank war, sondern vielmehr, wie sie gern gewesen wäre, aber vor allem auch danach, wie sie selbst (die Spieler) sind – oder gern sein würden.

Am Ende des Stücks werden die hohen, inzwischen leergeräumten Metallregale in die Mitte der Bühne geschoben, auf einer Diagonale parallel zueinander angeordnet. Das Ende von Annes Weg ist erreicht. Es geht um die letzten Tage, im Lager, und vor diesen kalten, aufragenden Regalen hallen einiger ihrer Sätze nun ganz anders nach: “Ich will fortleben nach meinem Tod”, “Alles kann man verlieren, aber das Glück im eigenen Herzen kann nur verschleiert werden”, und: “Ich sehne mich so. Ich sehne mich so nach allem.” Das Wissen um Annes Schicksal schnürt dem Zuschauer spätestens an dieser Stelle die Kehle zu, wenn die Regale zu übergroßen Särgen werden, zu Mauern, zu den KZ-Baracken, den Hochbetten in den Baracken, den Schornsteinen, den Stelen von Peter Eisenman.

Als ich aus dem dunklen Theaterraum unter die allergikerfeindlichen Bäume vorm Festspielhaus trete, wird mir klar, dass mich die Inszenierung vom Jungen Schauspiel Frankfurt merkwürdig genau an meine eigene Anne-Frank-Lektüre erinnert. Merkwürdig genau deshalb, weil ich den Eindruck habe, nach dem Theaterabend nahezu dasselbe zu fühlen wie nach meiner Lektüre: Ich bin melancholisch, beeindruckt von der Qualität des Textes, wütend und wirklich berührt. Ohne das Gefühl zu haben, dass mir da eine Betroffenheit aufgepfropft wird, die gar nicht echt ist. Ich will ehrlich sein: Meine Anne-Frank-Lektüre liegt schon zehn Jahre zurück. Vielleicht erinnert mich “Anne” also nicht an meine eigentliche Lektüre des Textes, sondern nur an meine Erinnerung an diese Lektüre. Aber was heißt das? Was hat mir das Stück gegeben, was mir das Buch nicht gegeben hat? Oder ist das vielleicht gar nicht die richtige Frage?

Über Anne Frank und ihre Familie oder den Holocaust hat mir das Stück nichts Neues erzählt. Was mich aber interessiert hat, waren die jungen Spieler auf der Bühne. Was sie (an dem Text) bewegt. Wie sie es schaffen, mir ohne einen einzigen Meta-Kommentar so viel über ihre ganz eigene Auseinandersetzung mit diesem Dokument zu erzählen. Wie es klingt, wenn sie fragen: “Was wissen wir eigentlich von unseren gegenseitigen Gedanken?”

Ich begebe mich auf eine Spurensuche und spreche mit Spielleiterin Martina Droste. Warum nimmt man sich einen Text vor, der erst mal gar nicht fürs Theater gedacht war? Für Martina stellt sich die Frage nach einem Mehr-Wert nicht: “Ich verstehe Theater so: Egal mit welchen Mitteln, wenn ich das Gefühl habe, ich erfahre wieder ein kleines bisschen mehr über Menschen, dann hat sich Theater gelohnt.” Der Anne Frank-Stoff habe sich aus verschiedenen Gründen ergeben und wurde zunächst von anderen an sie herangetragen, anlässlich des 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. “Aber die Spieler haben sofort Zugänge gefunden. Und dann sind wir von dem ausgegangen, was wir gemeinsam auf den Proben erlebt haben.” Bei dem Stück gehe es ihr nicht in erster Linie darum, dass man etwas über Anne Frank erfährt, sondern darum, dass man die jungen Menschen da auf der Bühne kennenlernt. “Die Transferleistung in die aktuelle Welt machst du selbst!”, sagt sie.

Als ich nach der Vorstellung bei den Zuschauern “Stimmen zum Stück” sammle, sagen viele, sie könnten noch nicht darüber reden. Sie müssten noch nachdenken, runterkommen, sacken lassen. Einige sagen auch, sie seien total fertig, das Stück habe sie wirklich mitgenommen und sie hätten ordentlich geweint. Rotz und Wasserblasen – will man das im Theater? Braucht man das? Immer diesen Betroffenheitsscheiß? Martina Droste erklärt entschieden: “Ich finde, wir müssen uns gegenseitig berühren lassen.” Theater sei untrennbar mit Emotionen verbunden und könne auch nur so wirken. “Danach kommt dann der nächste Schritt mit der Frage: Was ist das denn genau, was mich so aufgewühlt hat?”

Ein paar Studenten, mit denen die Redaktion nach der Aufführung spricht, sind auch aufgewühlt: Die Szene, in der Valentin Teufel minutenlang aus vollem Herzen weint – das gehe gar nicht. Wie könne man das als Spielleiterin zulassen? Ist das nicht emotionale Ausbeutung? Martina insistiert darauf, dass ein Schauspieler den “ganzen Schatz seiner Emotionen” nutze. Das Wichtige in ihren Inszenierungen sei: “Jeder ist auf der Bühne persönlich, aber keiner ist privat.” Wichtig sei, Grenzen zu ziehen und Sicherungssysteme einzubauen. Damit meint sie zum Beispiel die Spielerin, die während der ganzen Szene hinter Valentin steht und die Aufgabe habe, ihn zu schützen und zu halten.

Für Jakob Zeisberger vom Jungen Schauspiel Frankfurt gehören Emotionen dazu. Sowohl für das Ensemble als auch für den Zuschauer. “Manchmal kommt man so an den Kern der Sache”, sagt er. Ich will von ihm wissen, was er sich denn für Zuschauerreaktionen wünsche. “Das weiß ich nicht. Ich gehe ja nicht auf die Bühne, um beim Zuschauer was Bestimmtes zu erzeugen. Aber ich freue mich natürlich, wenn wir das Publikum berühren. Ich will ja, dass es etwas von unserem Stück hat.” Das heiße aber nicht, dass alle die ganze Zeit weinen sollen, “nur weil es Anne Frank ist”. Im Gegenteil: “Anne Frank saß auch nicht die ganze Zeit im Hinterhaus und hat geweint.” Deswegen könne man doch auch lachen. Es gebe ja auch lustige Szenen im Stück. Ich frage Jakob noch, was er denkt, was der Mehrwert ihres Stücks gegenüber dem Buch ist. Für ihn ist das Äpfel-mit-Birnen-Vergleichen: “Wir zeigen doch unsere Sichtweisen aufs Buch! Wir bringen ja nicht Anne Franks Emotionen auf die Bühne, sondern unsere Emotionen, die wir mit dem Buch verbinden!“

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich im Theater neunzig Minuten lang durchheulen will. Aber ich will: berührt werden. Das hat das Frankfurter Ensemble gestern mit angenehmer Leichtigkeit erreicht.

Foto: Dave Grossmann