ANNE:
ICH TRÄUME HIER SO SCHÖN

von Nils Brunschede

Wie gut, dass ich nach dem Stück von Martina Droste noch eine Textfassung ergattern konnte. Im Skript finde ich präzise als Spielanleitung formuliert, was ich gesehen und gefühlt habe, selber aber unzureichend und schwammig formuliert hätte. Regieanweisungen wie: “Alle richten sich in Regalen ein. Der Raum wird etabliert“ und „Texte werden nicht auf Anschluss gebracht. Sie nehmen sich gegenseitig wahr.“

Ein langsamer Anfang. In der Mitte der Bühne stehen fünf hohe Lagerregale, darin Kisten, Blechdosen und Musikinstrumente. Die Spieler*innen klettern an den Regalen hinauf oder setzen sich unten hinein. Eine Spielerin misst die Länge ihrer Haare am Regal. Ein Spieler nutzt etwas Freiraum für einen vorsichtigen Purzelbaum. Als Grenze zwischen Hinter- und Vordergrund verwandeln sie die Regale zu einem eigenen Spielraum. In ihm sprechen die Spieler erste Sätze aus dem Tagebuch. “Ich träume hier so schön”, oder: “Ich verheimliche etwas.”

Zu ihrem 14. Geburtstag schenken Anne Franks Eltern ihr ein weiß-rot-kariertes Tagebuch. Sofort beginnt sie mit ihren Eintragungen, die von 1942-44 um ihr Leben im Amsterdamer Hinterhaus-Versteck kreisen. Angetrieben vom Wunsch, Autorin zu werden, zeichnet Anne ihre Umgebung auf:  Mutter, Vater, die van Daans, Margot, Peter, das Hinterhaus, den Dachboden. Der aufgezwungenen Enge lässt sich zwar durch das Schreiben nicht entfliehen. In ihrem Tagebuch ver-misst Anne diese Enge; reflektiert Streit und Missverständnisse; erlaubt sich zu träumen.

Auf dem Dachboden ist die Luft immer entweder zu dick oder zu dünn: „Ich bin unruhig, laufe von einem Zimmer ins andere, atme durch die Ritze eines geschlossenen Fensters, fühle mein Herz klopfen, als ob es sagt: ‚Erfülle doch endlich meine Sehnsucht.‘“ Während Anspannung und Lethargie einander ablösen, gelingt es Anne durchs Schreiben, zu atmen. In den Tagebüchern öffnet sie einen geheimen, nur ihr zugänglichen Raum. Ein zweites Versteck.

Hier entsteht ein literarisches Werk, das mitreißt, weil in ihm eine komplexe Person lebendig wird. Wie klug die Regieentscheidung, Annes Sätze auf mehrere Spieler zu verteilen! Wie es im Skript heißt: „Texte werden nicht auf Anschluss gebracht“; das hieße Zusammenfassung, Vereinheitlichung. Es ist, als sprächen unterschiedliche Aspekte von Annes Persönlichkeit mit- und gegeneinander: “ein Bündelchen Widerspruch”.

Beim Durchblättern des Skriptes erinnere ich mich an Valentins unglaubliche Heulszene, sowie an Mahalia als enfant terrible in der großen Papiertüte („Jeder findet mich UEBERTRIEBEN…“). Noch einmal trifft mich AnnesText. Das Stück gelingt, weil die Spieler*innen Annes Worte zu ihrem eigenen Text machen, sich jedes Mal neu für sie entscheiden.

Wie klug inszeniert, wenn Valentin später mit vom Heulen rotunterlaufenen Augen noch immer dahockt! Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, als sich der Konflikt bereits auflöst.

So als wirke die Verletzung in Anne noch nach.

Und was sonst noch alles zu sagen ist! Allein über die Regale: Mit einem Mal werden sie von den Spielenden geleert und Peter stellt sie schräg zum Zuschauerraum. Bedrohlich, wie der bunte Spielraum zum kahlen Gerüst reduziert wird. Das Tagebuch, dessen Zeilen die Regalbretter vielleicht repräsentiert haben, wird gewaltsam geschlossen.

Das Ensemble verschreibt sich ganz bewusst dem Text. Es macht ihn erlebbar, hörbar, erfahrbar. Die Schrift wird auf der Bühne zu theatraler Präsenz.

Foto: Dave Grossmann