„sag alles ab“:
Anklagende Verwirrung

Der Piccolo Jugendclub spielt ein Stück über Verweigerung, steht jedenfalls im Programmheft.
Das klappt zwar nicht so richtig. Trotzdem ist es kein schlechtes Stück.


Die Cottbusser wollen den Lebensweg eines jungen Menschen“ nachzeichnen und dabei „tief in die moderne, optimierte und neo-kapitalistische Gesellschaft“ eintauchen, so der Selbstanspruch laut Stückbeschreibung.
Neonlicht, Rammstein und Bach, persönliche Episoden, Gebete, Vulva-Witze und eine Schülerin, an deren Namen sich einfach niemand erinnert, fügen sich zu einem dynamischen Sammelsurium von Reizen.

Aus den Chorpassagen sprechen die Stimmen der Eltern und Lehrer, die gesellschaftlichen Imperative. Lernt! Arbeitet! „Bück dich hoch!“ Daraus lösen sich immer wieder Einzelstimmen und erforschen Alltags- und Existenzprobleme aus individueller Perspektive. Eine Schauspielende zählt die verbleibenden Tage zum Abitur: 542. Eine andere traut sich nicht mehr, schwimmen zu gehen – aus Angst, zu dick zu sein, und aus Scham für den blöden gelben Bikini, den ihr die Mutter gekauft hat. Eine Dritte kann nicht essen, wenn sie soll. Und immer wieder Fragen: Warum Schule? Warum Arbeit? Mal wird ins Mikro geantwortet, mal durch Positionierung auf der Bühne: abstrakte Bewertungssysteme. Als sei egal, wer was denkt, als käme es nur auf das Verhältnis an. Mensch in die Maschine.

Natürlich haben die Figuren viele Wünsche übernommen, kopiert, natürlich würden sie viel anders machen, wenn sie könnten. Aber die individuellen Ausbrüche misslingen. In regelmäßigen Abständen zerreißen Donner und Nebel die Szene, alle formieren sich neu, werden Teil einer blitzenden Show. Immer wieder große Gesten, die die Leere überbrücken. Dramatischer Höhepunkt: Rammsteins pseudo-romantische Seemann“-Ballade, mit Nebel, Strobo, allem, was dazugehört. Die Choreografien sind dynamisch, gehen gleitend ineinander über, genauso wie die Emotionen im Raum. Alle Darsteller sind voller Energie.

Gelingende Verweigerung sucht man jedoch vergebens. Die Zwänge scheinen unausweichlich. Die Figuren sind als Individuen kaum zu erkennen. Fast brechen sie zusammen unter den Textmassen, die durch sie hindurchrauschen. Es fehlt die Verweigerung, die Absage, die der Titel „sag alles ab“ ankündigt. Die Einzelstimmen formulieren keinen Gegenentwurf, der das Gerede des Chors durchdringen könnte. Die Antwort der Cottbusser ist Ironie. Wenn man den „Neokapitalismus“ schon nicht überwinden kann, dann sich doch zumindest über das lustig machen, was darin passiert. Und über sich selbst. Und überhaupt. So wird das Stück nicht langweilig, weist aber auch keinen Ausweg aus den Zwängen. Möglicher Ausweg wäre eine genaue Analyse gewesen: Wer übt die Zwänge aus, wem nützen sie, warum sind sie so mächtig? So bleibt es bei anklagender Verwirrung unter einer gutaussehenden Oberfläche. Verwirrung über etwas, das etwas von uns will, und das man nicht begreifen kann.