Amoklauf, mein Kinderspiel –
Potsdamer Pralinen

Ich habe die Potsdamer befragt. Die Potsdamer. Die spielen heute Abend nämlich. Jawohl. „Amoklauf. Mein Kinderspiel“ von Thomas Freyer. Genau. DER Thomas Freyer. Und die Spielleitung? Sebastian Stolz.

Ich habe mich gefragt, was es anfangs für ein Gefühl war sich, sich an ein solch kniffliges, emotionales und brandaktuelles Thema heranzuwagen? So krass aktuell. Dann habe ich die Potsdamer gefragt und die haben gesagt:

Ich war neugierig einfach zu gucken, was da so für Ansätze kommen. Was da passiert? Wie man da einen Zugang zu findet. Amoklauf ist für mich keine Option. Was hat das mit mir zu tun? +++ Das Thema war irgendwie aktuell und nicht aktuell. Und aktuell und nicht aktuell: Der letzte Amoklauf, den wir in Deutschland erlebt haben war zu Probenbeginn ungefähr vier Jahre her und kurz nach Winnenden hatten wir einen Auftritt und es war krass aktuell. +++ Direkt vor unserer Premiere war auch der Amoklauf in Finnland. +++ Wir haben keine Lösung aber Ansatzpunkte, wo man einen Bezug dazu finden kann, gesucht, was uns betrifft.

Wenn man Theater guckt, spielt oder macht, dann passiert ja manchmal was mit einem. Was ist mit den Potsdamern passiert? Denken sie durch die intensive Arbeit an dem Stoff vielleicht irgendwie oder so oder ganz anders über dieses doch abstrakte Thema „Amoklauf“?

Es gibt so viele Leute die gemoppt werden und die kommen alle durch den Alltag durch. Jeder Jugendliche hat Druck und muss Leistung bringen. Das fand ich nicht harmlos, aber es ging irgendwie an mir vorbei. Aber bei manchen Leuten macht es einfach nur „Klick“ und die laufen Amok. Die Gefahr ist realer und präsenter: Man sollte den psychischen Druck von Jugendlichen nicht runterspielen. Klar, dabei kann man aber auch total paranoid werden. +++ In den ersten Wochen danach, ist das Thema immer total present. Unter Hochdruck wird eine Lösung gesucht. Ballerspiele, Waffen, einsame Einzelgänger – Das sind alles auch so Klischees irgendwie. Das finde ich echt ärgerlich. Jetzt redet schon wieder keine Sau drüber. Wenn man mal an die Betroffenen, die Angehörigen rankommt, wo man wirklich Informationen bekommt, ist es total weg.

Und wie fühlt ihr euch beim Spiel auf der Bühne?

Gut. +++ Auch Gruselig. Gerade im zweiten Teil. +++ Wie ein Arsch. Und doch macht es Spaß. +++ Man vergisst so den Ernst dessen, was man da eigentlich gerade darstellt. Am Ende ist es halt doch ein Spiel. +++ Es gibt keinen Amoklauf im Stück. Es gibt eine Phantasie. Das ist halt spielerisch.

Ein Kinderspiel? Irgendwie.
Im Programmheft steht etwas, von „Frau Wiese“? Wer ist das denn?

Die Geschichtslehrerin. +++ Frau Wiese ist einer der intensivsten Momente in unseren Proben gewesen, als wir uns improvisatorisch angenähert haben. Sie ein starkes Element, wo man ganz deutlich sehen kann, wie eine Lehrerautorität demaskiert wird.

Im Programmheft steht auch, dass ein „Thesenplakat“ zu möglichen Gründen in eurem Probenraum hing. Was darauf zu lesen war wollte ich wissen:

Das die heutige Jugend keinen Gegner mehr hat, keinen reellen Feind, wo sie einen Kontrast bilden kann und sich aktiv in dem Kontrast gestalten kann. Sondern so vollkommen schwerelos im Raum schwabbert. Und denn haben wir uns gefragt: Entsteht der Amoklauf in die diesem Vakuum? Ist er Mittel dieses gedankliche Vakuum zu durchbrechen? Oder ist der Amok dieses Vakuum und danach ist alles weggeblasen?

Puh. Harter Tobak. Ich bin gespannt auf die Potsdamer. Den Amoklauf. Das Kinderspiel. Frau von Wiese. Den „Brei“ von dem im Programm die Rede ist. Was sie in all dem für sich gefunden haben und uns jetzt zeigen.
Und vielleicht darf ich mit ihnen ja noch mal ein Bier trinken. Hätte ich Lust zu.