Amoklauf, mein Kinderspiel –
Der Amokläufer in mir

Sechs Spieler, die versetzt auf Stufen stehen. Dem Publikum gegenüber, keiner von ihnen auf einer Ebene mit dem Zuschauerraum. Die Zuschauer werden angestrahlt, die Gesichter der Spieler bleiben im Dunkeln. Man sieht nur ihre Umrisse, aber dafür im grellen Licht jedes einzelne Haar, das vom Kopf absteht. Und je mehr man versucht, doch etwas zu erkennen in ihren Gesichtern, desto mehr wird hier schon klar, dass, wenn man etwas von außen betrachtet, man manchmal vielleicht jedes Detail zu erkennen meint, das Wesentliche aber im Dunkeln bleibt. Man kann sich nur an Umrissen orientieren.

Der Raum ist von chorisch-rhythmischem Sprechen der Spieler erfüllt. Es wirkt wie eine Litanei, die einem eingehämmert werden soll: „Man darf sich nicht beklagen: Man lebt. Man lebt.“ Eine Melodie löst sich vom Sprechen ab, später noch eine. Hier wirkt das chorische Sprechen nicht immer ganz sauber, deswegen schrammt das Ganze immer leicht an der Kakophonie, trotz der erkennbaren sängerischen Qualitäten des Ensembles.

„Man darf sich nicht beklagen: Man lebt.“ Immer wieder mischt sich eine trotzige Antwort in den Chor: „Tu ich nicht!“ Und der Zuschauer muss sich fragen, worauf das ist die Antwort ist – beklagt man sich nicht? Oder lebt man nicht?

Das Singen-Sprechen wird aufgebrochen von der Erzählung eines der Mädchen. Die Erzählung von einer Scherbe, die die Haut am Knie durchtrennt. „Das Blut warm, wie Haut unter der Decke.“ Noch richtet sich die Zerstörung gegen sich selbst, doch es wird spürbar, dass dieser Schmerz, den das Mädchen empfindet, derselbe sein wird, aus dem sich die Zerstörung später gegen andere richten wird.

Immer wieder hält das Ensemble in seinem Chor inne, immer wieder denkt man: Jetzt ist es vorbei – bis das Sprechen, das Einhämmern wieder einsetzt. Das Publikum scharrt mit den Füßen und hustet. Einer klatscht, einige lachen. Man befürchtet, die Szene kippt, schlägt um in eine Farce. Die Beklemmung, die einen zuerst ergriffen hatte, weicht dem Gefühl, aufstehen und den Spielern entgegen schreien zu müssen: „Hört auf! Ich habe es verstanden! Ich halt ’s nicht mehr aus!“ Man wartet auf den Hammer, der einen losschlägt. Da wird einem klar: Das Ensemble vom Jugendclub des Hans-Otto-Theaters weckt den Amokläufer in einem selbst. Und zwar bewusst.

Die Spieler verdeutlichen die Unerträglichkeit der Tretmühle, der leeren Phrasen, indem sie sie verkörpern. Sie geben dem Zuschauer das Gefühl, nicht entrinnen zu können, ausgeliefert zu sein, ohne Hoffnung auf ein Ende. Damit versetzen sie den Zuschauer vielleicht so sehr in die Rolle, in die Gefühlswelt eines Amokläufers, wie in dem ganzen Stück nicht noch einmal. Man nähert sich der Ahnung eines Verstehens so weit an, dass es einem fast Angst macht. Und das erreicht das Ensemble nur mit theatralen Mitteln, mit zwei Sätzen: „Man darf sich nicht beklagen. Man lebt.“ „Das waren gestern Abend zehn Minuten großes Theater auf der Bühne des ttj.

Kurz vor Schluss des Stücks sagt einer der Amokläufer: „Habt ihr Angst, dass wir eine Chance haben?“ In diesen zehn Minuten hätte man wohl ohne Zweifel geantwortet: Ja.

Foto: Dave Großmann