Amoklauf, mein Kinderspiel –
Amoklauf, meine Güte!

Ich war gestern gut unterhalten. Ich genoss das Impuls-Gewitter: Hakenkreuz! Rot! Nebel! Flyer! Schüsse! Explosionen! Ohrenbetäubender Lärm! Schreie! Tritte! Stampfen! Ich genoss es, leicht unterhalten zu werden. Sollte das Ziel des Ensembles gewesen sein, mir Bilder ins Hirn zu brennen, so haben sie das Ziel erreicht. Ich erinnere mich nämlich noch sehr lebhaft an die sehr lauten Momente, erinnere mich an den großen Hollywood-Showdown; Michael Bay hätte sich vor Neid in die Hosen gemacht, Will Smith den amerikanischen Unabhängigkeitstag für ungültig erklärt.

Es wird im Eiltempo alles mitgenommen. Szenen werden gestellt, Szenen werden gespielt, jemand kommt aus der Szene raus, erklärt, springt wieder in die nächste Szene, jemand anderes kommt heraus, erklärt und der nächste ist an der Reihe. Die Familien sind scheiße und wohl schuldig, die Lehrer sind Arschgeigen und wohl schuldig. Die eine ritzt sich die Arme auf, die Andere kotzt in die Toilette; das alles vorgetragen mit der Feinfühligkeit und Grobheit eines Streuselkuchens.

Ich war gestern gut unterhalten! Ich habe Effekte in meinem Kopf, Erinnerungen an ein Impuls-Gewitter. Wie ein Kind, das am Mutterrock zupft und nach einem Bonbon und Aufmerksamkeit verlangt. Immer wieder ein Effekt nach dem anderen; Schaut auf mich, ich habe hier was zu erzählen! Man lebe ja noch, da solle man sich nicht beklagen! Unfreiwillig komisch; Gesang war eindeutig nicht die Stärke des Ensembles.

Die Schauspieler wurden über die Bühne gehetzt, gejagt und getreten; man stelle sich vor mit welch masochistischer Detailverliebtheit immer mehr und mehr verlangt wurde. „Holt mir Nebel! Holt mir Schussgeräusche! Gebt mit Hakenkreuze! Schreit lauter, stampft fester!“, hört man fast schon den Spielleiter durch die Gegend schreien. Mehr, mehr, mehr! Nur selten hatten die Schauspieler tatsächlich die Möglichkeit, ein wenig zu spielen. Doch wenn sie spielten, waren sie ausnahmslos gut; als ein Ensemble-Mitglied einen Satz immer wieder mit einem anderen Akzent wiederholte, konnte man nicht anders, als beeindruckt zu sein.

Es war gutes Action-Theater gestern Abend. Nicht mehr. So spannend die Idee des Kinderspiels auch ist und so leidenschaftlich das Thema in der Gruppe auch womöglich diskutiert wurde während der Produktion – davon war auf der Bühne nicht mehr viel zu sehen. Ruhigere Momente wirkten eher apathisch als sensibel.
Natürlich hatte diese pompöse Inszenierung den Titel stets parat. Ein Kinderspiel, ein Videospiel. Da leuchtet und explodiert auch so einiges; in diesem Zusammenhang war das Stück durchaus gelungen. Dann ist das hier keine Kritik, sondern ein Lob; ich bezweifle aber, dass das der Anspruch der Gruppe war. Falls, ja: Hut ab! Meisterwerk!

Ich bin kein Fan des lauten Theaters, das sei hier angemerkt. Heute scheißen, kotzen, rotzen, fluchen Leute auf der Bühne; vielleicht mit der Prämisse, dass das Publikum heutzutage so abgestumpft ist, dass es mit voller Wucht gegen etwas knallen muss, um zu verstehen, aufzuwachen.

„It’s the sense of touch. In any real city, you walk, you know? You brush past people, people bump into you. In L.A., nobody touches you. We’re always behind this metal and glass. I think we miss that touch so much, that we crash into each other, just so we can feel something.“ (Paul Haggis; “Crash”)

Mir fehlte diese Berührung. Es ist nicht so, dass ich etwas Melodramatisches wollte. Ich sage nur, dass es manchmal nicht falsch ist, melodramatisch zu werden. Es ist nicht so, dass ich weinen wollte. Ich sage nur, dass es manchmal okay ist, genau das zu versuchen. Es ist nicht so, dass ich „in the face“ nicht mag. Ich sage nur, dass man auch mal daneben schlagen darf.