Amoklauf, mein Kinderspiel –
Amoklauf kein Kinderspiel

Wer jetzt lacht, wird erschossen. Nein, nicht ganz. Wer jetzt lacht, hätte zu Hause bleiben und fernsehschauen können. Das war das, was mir wie ein tibetisches Mantra oder nach kaputtem Roboter klingender Sprechgesang durch den Kopf ging. Man darf sich nicht beklagen.
Nein, das darf man wirklich nicht – über das Stück. Eine halbe Unendlichkeit, wegen mir hätte es ruhig eine ganze sein können. Spannung muss aushaltbar sein – auf der Bühne und für Zuschauer.

Theater kann, darf, soll und muss anstrengend sein. Unterhaltung können wir auch abends im Zelt erledigen. Somit Danke für die Spannung zwischen den Räumen! Ich meine hinterher öfters gehört zu haben, man sei doch ein wenig platt und fühle sich, als sei man selber mit gerannt. Klingt besser als der Satz: „Es war aber lustig fand ich und so, ne?“.

Ich will dieses Stück verteidigen. Und das nicht, weil ich es perfekt fand und nicht, weil ich den Kritikpunkten, die man daran finden kann, widersprechen will.

Aber erstmal genauer dazu. Eine etwas zynische Stimme sprach gestern in mein Diktiergerät den Satz: „Das erste Stück, das eine Berechtigung hat, hier zu sein“. Das ist ein wenig krass gesprochen, aber man sieht hier definitiv qualitative Unterschiede zu den anderen. Ihr wart gut, ihr Potsdamer, ohne Frage. Ihr wart euch eurer Mittel bewusst und vor allem eures Körpers und eurer Stimme, ich habe eine Menge Energie gesehen und ein konsequentes Inszenierungskonzept. Hierzu kann man natürlich einiges sagen. Ihr habt intensiv gespielt, der eine mehr, die andere weniger, und schade ist es immer, wenn Figuren verblassen weil sie von schlicht besseren Spielern überlagert werden.

Aber trotzdem! Schade ist es auch, dass ihr kaum leise Töne, zarte Emotionalität und Spiel, das mal nicht frontal ins Publikum geht, zugelassen habt. Klar, wild sein macht Bock und man sah euch den Rausch der Bühne an. Aber ich bin sicher mit noch mehr Mut, ihr könntet auch leise. Aber trotzdem! Oft war es eine Gratwanderung zwischen den benutzten Mitteln und der Fähigkeit, diese zu beherrschen. Manchmal hatte ich Angst, dass ihr eure Spannung verliert. Aber trotzdem! Nein, das Stück erklärt nicht, warum einer schießt. Aber es zeigt unglaublich viele Elemente, die sich zu dem Bild eines luftleeren Raumes ergänzen, in dem die Figuren (und wir alle) schwerelos taumeln und keine Fixpunkte mehr haben. Eine doch viel bessere Erklärung. Auch wenn die Geschichten des Elternhauses doch zu alt und zu Neue Bundesländer für mich sind. Aber trotzdem!!

Man möge sich darüber streiten. Aber ich komm mal zurück zu dem, was ich eigentlich sagen wollte. Die Inszenierung war technisch weitgehend perfekt. Reden kann man über das Konzept, die Mittel. Natürlich hat z.B. der Rauch oder ein Lied eine bestimmte Wirkung. Aber für mich ist die eigentliche Frage nicht, wie diese Mittel auf der Bühne wirkten, sondern warum sie auf die Bühne kamen. Und hier würde ich antworten: Trotzdem! Trotzdem! Trotzdem! Denn dieses Stück darf das!

Diesem Stück merkt man die Hintergrundarbeit an. Die Darsteller scheinen sich so gut mit ihrem Thema auseinander gesetzt zu haben, dass es ihre Vorgehensweise schlicht und einfach legitimiert. Sie dürfen das, was sie da machen, machen, ohne dass hinterher alles hinterfragt wird. Wer baut, der haut – da sollten wir vertrauen auf ihr Können und ihre Arbeit. Ich will dieses Stück verteidigen. Zur Not würde ich auch schießen.