als wär´s ein Stück von mir…:
Keine Ahnung wie es war

poco*mania zeigt, dass man Krieg nicht zeigen kann

1914 klingt Krieg für viele noch nach Abenteuer. Eine Begeisterung bricht über Europa aus. Das sehen, was sich niemand vorstellen kann, und danach zurückkommen als Kriegsheld – so oder so ähnlich formuliert sich der Traum der Soldaten. Die Realität aber sieht anders aus. Im Durchschnitt überlebt man 6 Tage an der Front. Das Grevenbroicher Ensemble poco*mania stellt sich vor, wie es war in diesem Krieg, der so fern scheint. „Als wär´s ein Stück von mir…“ erzählt nicht nur die Geschichte dreier junger Soldaten, sondern auch die einer Theatergruppe, die 2014 aufbricht, um Geschichte nachzuerleben.

„Lasst uns nach Flandern gehen!“, heißt es im Prolog des Stückes. Eine Projektion zeigt Aufnahmen einer friedlichen Landschaft. Das könnte irgendein Feld sein am Rand der eigenen Stadt. Dass hier vor 100 Jahren ein unvorstellbarer Krieg ausgetragen wurde, erkennt man nur noch an den Gedenkstätten, den freigelegten Schützengräben und den Touristen. Auch das Ensemble war hier und musste feststellen, dass man sich Krieg nicht vorstellen kann. Darum geht es poco*mania auch nicht. Sie bringen die Frage „Was wäre wenn…“ auf die Bühne und nehmen das Publikum mit in verschiedene Szenen, die die Kriegsbegeisterung und die Enttäuschung der jungen Soldaten zeigen. Dabei versagt ihre Phantasie – zum Glück. „Wir haben keine Ahnung, wie es war“, sagt eine Spielerin.

In der ersten Hälfte des Stückes wird getanzt, herumgesprungen und getrommelt. Das Ensemble bringt seine ganze Energie auf die Bühne. Militär wird als Spiel inszeniert, Schießübungen als luftig leichte Choreographie. Die Kriegsbegeisterung kommt beim Publikum an. Da verstehen die drei jungen Soldaten, die im Mittelpunkt der Szene stehen, noch nicht, was mit ihnen passiert. Für sie sind Panzer und Maschinengewehre Spielzeug. Als das Stück aus seiner Handlung fällt und eine Gruppe Jugendlicher zeigt, die Videospiele zum Ersten Weltkrieg zocken, soll gezeigt werden, dass auch unsere heutige Sicht auf das Thema nicht reflektierter ist. So wird auch eine Gedenkveranstaltung zum 100jährigen Kriegsjubiläum kritisiert. Als Nebensatz klingt an, dass auch heute sinnlose Kriege geführt und Menschen zu „Kanonenfutter“ werden. Weiter meidet das Stück aber jegliche Auseinandersetzung mit aktueller Politik. Schade.

Nett ist die Rolle der Phantasie in diesem Stück. Sie spricht aus dem Off zu den Darstellern und vermittelt: Deine Phantasie reicht nicht aus, um dir einen Schützengraben oder ein Lazarett vorzustellen. Hier scheitern auch die Schauspieler in der darstellerischen Umsetzung. Tote Soldaten erinnern an Zombies. Auch die völlig überzogene Art zu sprechen, macht ein ernstes Thema unfreiwillig komisch. In der zweiten Hälfte des Stückes wird verstärkt mit Originalaufnahmen gearbeitet. Krieg bleibt abstrakt. „Als wär´s ein Stück von mir…“ erzeugt einen selbstreferentiellen Rahmen, der aufzeigt, was Theater kann, was nicht: Wo unsere Phantasie nicht mehr ausreicht, geht das Stück nicht weiter. Trotz des Ideenreichtums der Gruppe und der kreativen Umsetzung etwa in Choreografie und Bühnenbild erzeugt das Stück keine neuen Bilder. Insgesamt ein nettes Jugendtheater, das viel über unseren Umgang mit Vergangenheit sagt und jeden Geschichtsunterricht bereichert.

Foto: Dave Großmann