als wär´s ein Stück von mir…:
Boah, Kriiiiieg ist echt lang her

Als wär’s ein Loch in unserem kollektiven Gedächtnis

Die Aufnahmen von Flandern laufen schon, als die Zuschauer ihre Plätze suchen, während Stimmen phasenversetz aus dem Off zu Arvo Pärt flüstern, wie die Erde noch fett von Träumen war, Mohnblüten ohne Ende. Wir sind in Flandern, Belgien. Stellungskriege im 1. Weltkrieg an der Front zerstörten hier ganze Regionen. Das Stück ist in Kapitel unterteilt und beginnt damit, dass alle tanzen, denn wer tanzt, lebt. Und die Toten wollen unter sich bleiben. Lebe dein Leben! Was sollen wir denn schon mit den Toten machen? Ihre Gräber anstarren?

„Das ist Flandern.” Sie kartographieren die Szene, auf der gesamten Fläche des Bodens ausgebreitet: ein Tarnnetz, auf dem niedliche Dorfminiaturen stehen. „Ganz schön, der Krieg ist mir ziemlich egal“, sagt ein Zuschauer nach dem Stück. Die Erinnerung an die Toten, die Schreie und der Schmerz, sind von Schichten aus Zeit verdeckt. Alles, was die Grevenbroicher haben, sind Miniaturen, die sie selbst mit der richtigen Kameraperspektive nicht reanimieren können. Sie gehen ganz offen damit um, dass sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen – und manchmal fragt man sich auch, wozu sie überhaupt da vorne sind.

In Sarajevo sind wir auch kurz, ein schöner Geschichtsvortrag. Dann: Junge Männer, die in dem Siegesoptimismus verfallen; daraufhin ein Waffentraining mit spritzigem Kazoo. Die Gruppe setzt mehrmals an, stammelt unsicher, bis sie herausplatzen mit: „Wir dienen Deutschland!“ Dann: ein bedrohliches Brummen von der Front, Angst vor der Feigheit, Angst vor dem Tod.

„So war es wohl“, sagt jemand alleine am Mikro. Stiller Pathos – und im nächsten Moment starren die Meister der erstaunten Fresse ihre Miniaturen an: „Was das, Parisgeschütz?! Boah! Schießt bis Paris!“ Sie wandern slapstickig durch eine jazzige Greenscreen-Montage von Kriegsschauplätzen, zerstörten Panzern und weggebombten Feldern. Ihre Fantasie erzählt ihnen, dass sie’s sich nicht vorstellen können. Sie können sich also maximal reinshoppen. In einem Videospiel metzeln sie in den Schützengräben, durch die sie später irren werden und sich vor der Kriegsszenerie auf den Boden werfen. Eine seichte und pädagogische Note muss ja immer sein. „Die Zuschauer brauchen uns nicht für Bilder vom großen Krieg.” Das Ensemble verneigt sich trotzdem vor einer Collage aus historischem Material, großen Bildern, wild durcheinandergeworfen mit atonaler Beschallung.

„Wie schön, dass du geboren bist!“, alle feiern das Jubiläum. Die Luftschlangen fliegen in eine Düsternis – warte, warum feiern wir? Oh, vergessen! Es sind ja Menschen gestorben! Sie verweisen kritisch auf den Mangel an Erinnerungskultur in Deutschland.

Ironisch hinterfragen sie, warum sie überhaupt hier seien, wenn sie sich eh nicht in die Vergangenheit versetzten können. Bis auf die Neugier, mit der sie die Kriegsmaschinen

Foto: Dave Großmann