als wär´s ein Stück von mir…:
Auf Gräbern tanzen

Auf den Spuren von WW1 über Wiesen, durch Schlamm und Regen, doch an der Front fehlt dann die scharfe Munition.

In Grevenbroich wird Krieg gespielt – auf und unter Tarnnetzen graben sich die Spieler/innen der poco*mania durch Archive und Found Footage, durch die Gräben und unter die Erde. Hundert Jahre Erster Weltkrieg sind Anlass, über eine Katastrophe zu erzählen, die knapp an der kollektiven Erinnerung vorbeischrammt, die hinter ihrem grausam größeren Bruder zur Historie zu verkommen droht, eine Katastrophe, die es nicht einmal geschafft hat, ein eigenes Videospiel hervorzubringen. Marsch in die Felder von Flandern, ohne die Theaterbühne zu verlassen. Kein Kriegs-Reenactment, sondern szenischer Versuch, auf Erinnerungen zuzugreifen. Auf Gräbern tanzen bedeutet für die poco*maniacs, die Fakten, das Erzählte mit einer Gegenfantasie zu konfrontieren, real Gewesenes durch Künstlichkeit freizuschaufeln. Überhöhung im Wortsinne: Plastikflieger, -panzer, -granaten werden durch Live-Kamera überlebensgroß, das Souvenir zur Bedrohung.

So geht es in kurzen Kapiteln als tour de force durch vier Jahre Krieg: das Attentat in Sarajevo auf der Cajón, Musterung als Slapstick und Grabenkämpfe an der Playstation. Video-Montagen ersetzen den Blick ins Fotoalbum. Sich selbst in Bild setzen, um ein Verhältnis herzustellen, damals/heute, doch „die Bilder bleiben stumm“. Was noch zu erzählen ist vom hundertjährig Vergangenen, bleibt außerhalb dokumentarischen Interesses unbeantwortet. Den Bezugsrahmen allein im Alter der Soldaten damals und der Spieler/innen heute zu konstruieren, erscheint wenig belastbar. Trotz Restaurierung bleibt Vieles verloren. So rauscht die Stunde vorbei wie ein Paris-Geschütz, der Einschlag verhallt ungehört.

Foto: Dave Großmann