Almost Lovers:
Frodo mit dem Beat
und der Gang

“Wir werden sehen, wer hier stark ist,” fordert Mann die Welt heraus, um dann mit dem Beat und der Gang in Tagträume zu verfallen, die sich teils hart miteinander brechend aneinander anschließen. Denn wenigstens in solchen Heldenfantasien kann Mann als Braveheart oder Frodo seine Gefährten um sich sammeln, sei es um nach dem Fluch-der-Karibik-Soundtrack einen Segelturn zu evozieren, auf dem die Kekse aufgegessen werden. Oder um die Theatermaschinerie anzuschmeißen und mit viel (wirklich viel) Nebel das Glück im Sieg Fortunas zu suchen. Irgendwie den lebendigen Körper einsetzen.

Inhaltlich positionieren sich die Geschichten zwischen den Spannungen der Lebensrealität eines männlichen Jugendlichens – Mobbing, Liebespeinlichkeiten, Gefängnisaufenthalt – und den sozialen Erwartungen an ihn – seitens der Coolen, der Peer Group, des Vaters. Wer von den Spielern die jeweilige Geschichte erzählt, hat keine Relevanz für das Spiel. Individualität wird durch die Farbe der Adidas-Trainingshosen markiert, durch die Wahl des Lieblingshelden, nicht durch eine individuelle Rolle mit eigener Biographie. Typischerweise als maskulin geltende Themen wie Sport, Schule, Sex, Schlacht und Schlagen werden von Männer-Typen durchdekliniert. Sind tatsächlich die immergleichen Schemen immer gleich? Es bleiben spektakulär inszenierte inhaltlich unspektakuläre Bekenntnisse aus der vermeintlich uns Zuschauenden unbekannten komplexen Welt des armen jungen Mannes – denn das Urteil, Mädchen hätten es leichter, wird hingestellt und stehen gelassen.

Was dafür sorgt, dass die Kürzestszenen nicht auseinanderfallen, ist die überzeichnete Ernsthaftigkeit mit der die Jungs jede ihrer Musical-Einlagen tanzen. In ihrem ironischen Spiel mit den Ruinen einer kindlichen Unschuldigkeit (“Mein Vater ist da, ich brauch nichts mehr im Leben” und “als ich in die fünfte Klasse kam, wusste ich nicht, dass man cool sein muss”) findet die Inszenierung ihr Augenzwinkern, mit dem sie versucht, sich von den Klischees der Pubertät zu distanzieren.
Jedoch die Illustrationen, die auf den Hintergrund projiziert werden und wie kindergerechte Kreidezeichnungen wirken, verniedlichen das Bühnenbild. Es braucht nicht auch den Adler, der zum Pferd wird, um der auf der Bühne erzählten Fantasie eine Form zu geben. Zurück zur nächtlichen Bemerkung: Nicht jedes Gesicht braucht Schminke, um schön zu werden.

Foto: Dave Großmann