Almost Lovers:
Fast nur Alltag

Vorab: Theater mobil ist ein Format, dass sich zum Ziel setzt, Jugendliche da abzuholen, wo sie herkommen. Jugendliche, die eigentlich so gut wie gar nicht mit Theater in Kontakt geraten würden. Dieses Format hat einen Bonus bei mir, ganz einfach weil ich es selbst ausprobieren durfte. Neben den großen Fragen – wer bin ich und was definiert mich? – gehören zum Konzept immer die vielen Lichteffekte, der Nebel, die Tänze und Choreografien, gute Übergänge und Selbstironie. Ich war also darauf vorbereitet, begeistert zu werden und das wurde ich auch. Aber.

Eine Gruppe von Jungs in einem Umkleideraum, sie unterhalten sich, während das Publikum Platz sucht. Dann wird das Scheinwerferlicht auf die Jugendlichen gerichtet. Alle bis auf einen gehen von der Bühne ab. Er erzählt über einen Zusammenstoß mit der Polizei. Er gibt den harten Jungen, der anderen beistehen wollte und selbst zum Opfer wurde. Er aber könne sie alle überwältigen. Bruch. Das Stück beginnt mit einem für den Großteil des Publikums weit entfernten Erfahrungsbereich und verläuft in Alltäglichkeiten. Derselbe Junge, streng-katholisch erzogen, spielt den Klassenclown in der Schule und läuft auf dem Pausenhof vor den großen Jungs weg. Ohnmacht ist das Thema, das über der Szene schwebt. Aus Ohnmacht flieht er in eine Phantasie. Nun ist er der mächtige, er steht über allen, auf dem Spind. Und wieder Bruch. Während der erste Einschnitt dem Zuschauer zeigt, hier kriegt ihr zwar harte Jungs zu sehen, aber nicht eurer Phantasie entsprechend, bricht der zweite mit der Phantasie der Jungs. Der Traum vom mächtigen Mann ist irgendwie doch peinlich und wird wieder verworfen.
Neue Probleme stürzen auf die Schauspieler ein. Der Streit mit dem Vater. Sie müssen sich Vorwürfe anhören, versuchen sich zu verteidigen oder blaffen einfach zurück. Im Gegensatz dazu wird die Mutter glorifiziert. Für sie täten die Jungs alles. Und doch kommt sie im ganzen Stück nicht noch ein weiteres Mal vor. Immer wieder taucht der Vater auf. Immer wieder ist da die Ohnmacht, die Phantasie, der Bruch und immer wieder ist da auch das andere Geschlecht. Doch das Stück kommt nicht voran. Es geht nicht in die Tiefe. Dann, wenn wieder ein Ausbruch zum Individuellen hin möglich gewesen wäre z. B. wenn der aus dem Krieg zurückgekehrte Vater verletzt und ohnmächtig seinem Sohn droht, bleibt eine Uneindeutigkeit übrig. Ist es witzig gemeint, dass der Vater seinen Sohn umbringen könnte, weil er das Geschirr nicht abwaschen will?

Ein Stück, dass sich mit Geschlechterrollen auseinandersetzen will, insbesondere mit der Suche nach Identifikation durch Geschlecht, das müsste auch die Rollenverteilung diskutieren. Die Möglichkeit dazu wäre gegeben, z. B. durch die Worte ,,Warum wäscht meine Schwester nicht das Geschirr ab? Es ist doch ihre Aufgabe.‘‘ Sie wurde nicht ergriffen. Stattdessen wurde mit viel Charme und Witz abgelenkt. Und das konnten die Jungs. Ich habe ihnen den liebevollen Umgang miteinander abgenommen. Wie sie in der Gruppe zusammenlagen oder Hand in Hand vor uns standen. Ich habe junge Männer gesehen, die Spaß hatten, die über sich selbst lachen und vor allem mit einer totalen Ernsthaftigkeit Take That tanzen konnten, denen es nicht peinlich war über ihren Schatten zu springen. Die nach Versöhnung mit der Außenwelt suchten. Und vielleicht ist das der Samen, den Theater mobil am Ende des Stückes säen wollte. Der Anstoß zu mehr.

Foto: Dave Großmann