Almost Lovers:
Alles auf Probe

Abgekämpft sehen sie zu Beginn schon aus, hängen und lungern im angedeuteten Raum zwischen Umkleidekabine und Fitnessstudio. Spinde und Bänke, die später noch Schutzbunker und Königsthron sein werden, umgeworfen und malträtiert. Der Start als Training. Inmitten die jungen Wilden, die uns von sich erzählen wollen, über Vor- und Heldenbilder, Vaterfiguren, Über- und Unterdruck von Männlichkeit, der sich aufstaut und rauswill, wenigstens: mitgeteilt werden will. Die fidelen, wachen, energetischen Düsseldorfer machen das in einer losen Szenenfolge aus intimen Momenten und Monologen, gespiegelt von Chorsequenzen und durchchoreographierten Tanz-, Musik-, Show-Intermezzi. Sie erzählen von Schlägereien, Hausaufgaben, natürlich Knast, in dem die Angst vor dem Vater größer ist, als die Angst vor der Justiz, von der Unmöglichkeit einen Liebesbrief zu schreiben, der nicht falsch ist, der nicht ist, wie schon vielfach gehört, vom persönlichen Ringen zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe. Dieses Ringen, das man immer verlieren würde, wäre da nicht die Möglichkeit einer Ausflucht durch die Tagträumerei (meinetwegen: Fantasie), führt sie in Gefilde der großen Vorbilder, führt sie nach Hollywood und ins Zentrum von Trash und Albernheit. Herr der Ringe und Fluch der Karibik, filmische Schlachtengemälde legen die Referenzen offen: Woher er stammt und woraus er sich speist, der hier über allem wabernde und abgeschmackte Begriff der Männlichkeit.

Das sind die Klischees, die man vielleicht erst mal durchleben muss, um sie abzulegen. Das ist ein Rückgriff auf Theater als Form des kindlichen Spiels, der Verstellung, wo man ein Schwert greift und ein Krieger ist, einen Mantel umhängt und König sein kann. Es zeigt, dass auch Geschlecht immer Spiel ist, immer Annäherung und Verhandlung. Alles auf Probe. Ein Schiff kommt hereingefahren, gekauft für zehntausend Euro oder hundertausend, Geld spielt keine Rolle, die szenische Fabulierlust der jungen Fast-Männer findet ihren Höhepunkt. Seefahrer-Romantik ungebrochen. Das wäre von der Vorlage eigentlich zum Fremdschämen, zum So-geht-das-doch-nicht-Rufen, ist es aber nicht, weil die Schiffsbesatzung, weil die Düsseldorfer, weil sie ja selbst hilflos sind, ehrlich und direkt, weil sie suchen und vielleicht in der szenischen Behauptung erst etwas finden. Auch wenn es ein Schiff ist. All das ist rasant zusammengeschnitten und collagiert mit Nebel, Gegenlicht und Mikroverstärkung. Macht Spaß und lässt die Zeit verstreichen, wenngleich sich mitunter ein Gefühl der Beliebigkeit einschleicht. Der Selbstgenügsamkeit. In den schwächeren Momenten werden die Emotionen damit größer gezogen, als sie es bräuchten, in den stärkeren, die von Fußstapfen handeln, die zu groß sind und bleiben, lenken sie das Augenmerk auf ein Scheitern, ein Stocken der Potenz, das Kraft hat. Das Zusammensacken nach der Kampfankündigung, nach den Vätern, die in den Krieg zogen und ziehen, ist so ein Moment. Zurück auf Anfang, diese Schlacht hat sich selbst geschlagen.
In dem Fitnessraum, in dem alles begann, der Vorbereitungsraum, Proberaum ist, endet es wieder. „Wir bemühen uns“, sagen sie als Chor-Monolog (den es als Kommentarfunktion wahrscheinlich nicht gebraucht hätte), und es klingt wie Entschuldigung und Versprechen zugleich. Das ist natürlich Nabelschau pur. Aber wo sonst, wenn nicht hier?

Foto: Dave Großmann