ALICE: VIEL PINK UM NICHTS

von Robert Stripling

Gestern Nachmittag habe ich eine dieser merkwürdigen Begegnungen, die wohl nur auf einem Theatertreffen passieren kann. Auf der Herrentoilette treffe ich am Waschbecken einen Techniker vom Deutschen Theater. Er reißt einzeln Plastiktüten von einer Rolle, befüllt sie mit Wasser, knotet die gefüllten Tüten zu und stapelt sie sorgsam in einen Plastikeimer. Einiges Wasser ist neben das Waschbecken gegangen. Der Techniker erklärt mir, dass es sich um Tränensäcke handelt – für das Stück “Alice” vom Jungen DT, das am Abend spielt. Erst nachdem ich das Stück gesehen habe, fällt mir die Situation wieder ein und erinnere mich, welche Requisiten ich als Assistent von Schauspielproduktionen schon vorbereitet habe. Bei Jugendproduktionen kam es dabei vereinzelt bis häufig vor, dass Spieler*innen nicht bewusst war, welche Arbeitswege dahinterstehen, damit ein bestimmtes Requisit, ein Bühnenbild, ein Kostüm oder Ähnliches Tag für Tag auf der Probe bereitsteht. Doch ein professionell geführtes Theater kann es sich leisten, zu bedienen; es ist durch seine hierarchische Organisationsstruktur sogar daraufhin ausgerichtet. Dass es in meinen Erfahrungen mit jugendlichen Spieler*innen Momente gab, in denen erst nach der fünften oder zehnten Vorstellung einer Spieler*in bewusst wurde, was da jeweils an Material aufgefahren wird, ärgerte mich damals maßlos und sehe ich auch heute noch als symptomatisch für die “Versnobtheit” von Staatstheatern an. Doch zum Stück!

Lewis Carroll ist mir vor allem aus der Theoretischen Philosophie bekannt. Die Geschichte des “Humpty Dumty” aus “Alice hinter den Spiegeln” wird stets dann wiedergegeben, wenn es um Semantik geht, um das Privatsprachenargument, um die Frage danach, was Worte bedeuten. “Wenn ich ein Wort verwende”, sagt Humpty Dumpty zu Alice, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“

Es geht um Machtgefälle, um Ungerechtigkeit und kindlich egozentrische Gewalt, in einer erwachsenen Welt. Themen, die am gestrigen Abend immer wieder verhandelt werden. Die rote Kindskönigin befiehlt dem Publikum, ihrem Willen folgend aufzustehen und sich wieder zu setzen; die übergroße Raupenpuppe “Absolem”, die als berlinernder Mann Shisha raucht und einen Jungen dazu zwingt, ihn auf den Mund zu küssen, stellt einen grotesken, willkürlichen Despotismus zur Schau. Von mehreren Spieler*innen gesteuert und im Inneren von einem Mädchen des Ensembles, liest sich diese Puppe mit seiner subtilen, voyeuristischen Neigung wie ein Verweis auf die Kontroverse über Lewis Carrolls Sexualität.

Mag sein, dass die Spieler*innen auch persönliche Themen mithilfe des Puppenspiels verhandelt haben – was die Puppe gestern aber vor allem offenbarte, war die auf erwartbaren Effekt und in comedy-niveau hininszenierte Wirkung des Spiels: ob die eindrucksvollen Musikeinspielungen, die von Beginn an die Stimmung diktieren oder die intelligente Lichtdramaturgie, die mich im Zweifelsfall über die Szene trägt und die schwerfällige Trägheit des Spiels “überblendet”. Zwar sehe ich z.B. in der Tanzeinlage der schwarzgekleideten Diener, die der roten Königen folgen oder auch in einer Szene, in welcher die Spieler*innen sich in wunderbarer Einfühlsamkeit als Wildschweine über den Bühnenraum bewegen, gekonnten körperlichen Ausdruck und große expressive Fähigkeiten. Doch will der Funke nicht überspringen; konditioniert und folgsam wirken die Übergänge zwischen den Szenen. Auch können mich Slapstickeinlagen (die beiden Clowns) oder die Nummernrevue, die mit ständig neuen Kostümen (“Quickchange”) Traumbilder auf- und abreißt, nicht begeistern. Ob Mehl streuender Koch oder Euter-Frau, an deren Brüste sich das Kind hängt – ich bin gelangweilt von der Erwartbarkeit der aufgefahrenen Effekte. Und vermisse Spielwitz; Phantasie die erst dem Individuellen entspringt. Wenn all der Schnickschnack dazu gedient hätte, den mitgebrachten Mitteln der Schauspieler*innen eine eigene Figurenausarbeitung zu ermöglichen, wäre ich einverstanden gewesen; doch werde ich gestern die Wahrnehmung nicht los, hier würde mir etwas vorgespielt werden, dass stärker mit fremdbestimmten Mitteln erarbeitet wurde, als aus eigenständiger Phantasie. So wirkten die Mittel lediglich als Blendwerk. Die Maßgabe “Wir-können-es-uns-leisten” dominiert vordergründig die darin untergehende ästhetische Notwendigkeit “Wir-verhandeln-hier-etwas”. Nicht umsonst gehört der Puppe die Tanzeinlage als Zugabe. Das volksfestähnliche Mitklatschen zeugt von den auf den Effekt hinzielenden Spielelemente.

Doch beginne ich noch mal ganz von vorn: Aus einem schwarzen Pappkreis fallen durch den mittigen Schlitz die Spieler*innen. In der ersten Szene denke ich direkt: Das könnte ein interessanter Abend werden. Die Geburtsszene holt mich bei meinem eigenen Geboren-sein ab und verspricht eine Erzählung, die von diesem uns allen angehörendem Anfang an weitererzählt.

Das Ensemble präsentiert sich in der folgenden “Vorstellungsszene”. Einer der Schauspieler überlegt, warum er nicht ein jeweilig anderer des Ensembles sein kann. Er stellt sie mit Namen vor, nennt eine Eigenschaft des jeweiligen Spielers. Die Spieler*innen erinnern in diesem persönlichen Auftreten an von Jahrmarkt zu Jahrmarkt reisende Moritatensänger, die die Geschichte von Alice erzählen. Grundsätzlich mag ich diesen Grundgedanken des Moritats. Doch überträgt sich gestern für mich keinerlei Begeisterung. Bereits beim ersten Monolog schalte ich ab, freue mich über das Licht, das den pinkfarbenen Bühnenkasten in ein Orange verwandelt. Der Monolog aber rauscht an mir vorüber. Die Spannung fehlt, die Lust, etwas eigenständiges voranzutreiben. Zudem halte ich es für eine Fehlentscheidung, bereits zu Beginn des Stückes, einen derart langen Monolog zu setzen. Die Spannung des Anfangs kann so nicht weitergetragen werden – was vermutlich nichtmal in der Verantwortung der Schauspieler*innen liegt.

Das ständige Hin- und Herwandern von einer Stelle zu anderen wirkt unsicher und ohne klare Haltung den eigenen Worten gegenüber. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass nicht rumgezappelt wird! Die zudem spannungslose Artikulation während der Monologe wirkt auf mich nicht als “persönlicher Bruch” im Sinne einer Brecht’schen Spielweise im Lehrstück, sondern, innerhalb eines ansonsten auf “Hochglanz HD” durchinszenierten Stücks, als sinnbildlich dafür, woran versäumt wurde, zu arbeiten: einer eigenen Bühnenfigur. Diese Figuren hingegen wirken wie Adaptionen aus bereits bekannten (Film-)Inszenierungen; Darstellungen der bekannten Charaktere – Nachahmungen.

Gerne mag ich denjenigen Stimmen glauben schenken, die die phantastische Welt betonen, die das Ensemble des Jungen DT mit “Alice” auf heimischer Bühne entfaltet. Dass aber das Auswärtsspiel im Haus der Berliner Festspiele eher wie mit angezogener Handbremse, behäbig und ohne Zauber über die Bühne geht, scheint mir an der Inszenierung zu liegen, die zu eng das Korsett der Wirkung zu bestimmen versucht, statt einen atemgebenden Spielrahmen zu ermöglichen, aus welchem heraus sich agieren ließe. Dass prompt auf ungewohnte oder zögerliche Reaktionen aus dem Publikum (Aufforderung zum Aufstehen; Erfragen der Uhrzeit; Bitte um Abschiedwinken mit Taschentüchern), eher unsicher reagiert wird, zeigt, welch brüchiges Ausgeliefertsein der Spieler*innen sich hinter dem aufgeblasenen Blendwerk befindet.

“Ich bin jemand, der Geschichten erzählt”, sagte Regisseurin Nora Schlocker in einem Interview mit der Westdeutschen Zeitung am 1.April 2011. “Jemand, der nicht nur über die Regie-Idee Zugriff auf ein Stück findet. Mir ist es wichtig, in einen Dialog mit den Zuschauern zu treten. Ich bin verliebt in Schauspieler und sehne mich nach Ensembletheater.”

Warum aber kommen einzelnen Schauspieler*innen des Ensembles vom Jungen DT quantitativ wie auch qualitativ eine “Bevorzugung” in den Szenen zuteil? Weshalb werden die Rollen ungleich verteilt; warum kommen einigen Spieler*innen Schlüsselszenen zu und warum gehen andere in meiner Wahrnehmung unter? Gesehen habe ich kein homogenes Ensemble. Wenn nach Fähigkeiten bevorzugt wird, warum werden dann nicht mit Hilfe eines Castings diejenigen Spieler*innen aussortiert (sorry!), die für das Hochglanz-Spiel nicht gebraucht werden? Folgt man dem professionellen Ansatz, der sich durch die Inszenierung zieht, so sollte konsequenterweise nur mit den Besten gearbeitet und nicht zum Leidwesen des Ensembletheaters einzelne Spieler*innen im Gesamtbild benachteiligt werden. Überformt wird dafür mit erwachsenen Phantasien die womöglich viel ursprünglichere Kühnheit der Schauspieler*innen. Schade! Viel Pink um Nichts!

Foto: Dave Grossmann