ALICE:
SPIEGLEIN SPIEGLEN
AN DER WAND

von Anna Theresia Bohn

“Was, wenn du in dem Haus hinter dem Spiegel wohnen würdest?”, fragt eine Spielerin zu Beginn des Stückes. Das Junge DT spielt “Alice” nach Lewis Carroll. Das Ensemble stellt sich am vorderen Bühnenrand in einer Reihe auf. Es bildet die vierte Wand, die eine Grenze zwischen Theaterbühne und Publikum bezeichnet. Die Spielenden blicken in die beleuchteten Reihen, fixieren einzelne Zuschauende und ahmen sie nach. Sie spiegeln die Schauenden. “Was, wenn man wie durch einen Nebel hindurch treten könnte?”, fragt jemand.

Im Programmheft stellt sich das Ensemble die Frage, “wie durchbricht man die vierte Wand und wie gelingt der Dialog?” Es ist eine Frage nach Spiel und Wahrheit, nach Rolle und Identität. Dies führt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Dies ist sicherlich ein zentrales Thema des Theaters, insbesondere des Jugendtheaters. In diesem Stück beantworten die jugendlichen Spielenden diese Frage nach dem eigenen Ich nicht mit Bezug auf eine äußere Lebenswelt. Es geht nicht um Schule, um erste Liebe oder Zukunftszweifel. Stattdessen nutzen die Spielenden die Literaturvorlage von Carroll, um sich mit ihren inneren Erfahrungswelten auseinanderzusetzen. Dabei loten sie aus, welchen Kräften und welchen Ängsten sie Raum geben wollen. Die Figurationen aus dieser Auseinandersetzung erscheinen als ästhetisch arrangierte Monströsitäten auf der Bühne. In der Mitte des Stückes wird beispielsweise die rauchende Raupe aus “Alice” als Puppe in der Art eines Michelin-Männchens inszeniert. Spielende ziehen sich Körperteile der Puppe an, be- und entleben sie somit als kollektives Spiel. Die Puppe ist doppelt eklig: Äußerlich ist sie fettleibig, sie raucht und stinkt. Im Sprechen zeigt sie einen pädophilen und xenophoben Charakter.

Eine solche Szene erschafft eine Ästhetik der Verstörung und des Ekels. Das löst zwei gegensätzliche Effekte aus: Zum einen distanziert man sich intuitiv, zum anderen bannt es die Blicke auf sich. Es ist eine mutige Entscheidung, Carrolls (Alp-)Traumwelt zu nutzen, um eigene, entstellte Wahrnehmungen zu thematisieren. Nietzsche schreibt in seiner Genealogie der Moral: “Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” Dieser Spur folgt das Junge DT. Bildgewaltige Grotesken entstehen. Die aufwendige Inszenierung will verstören und auf Abgründe verweisen. Über eine solche simple Effekthascherei hinaus möchte das Ensemble ausloten, welche Rückschlüsse sich ziehen lassen auf die eigenen, vielleicht noch unbewussten Abgründe. Mal werden solche Abgründe nur angedeutet, mal explizit thematisiert — wie in der Szene mit den übergroß nachgebildeten charakteristischen Körperteilen der Spielenden. Bei diesem ernsten, psychologischen Anspruch ist jedoch der sprachliche Humor der Originalvorlage in den Hintergrund gewichen. Außerdem wird das Konzept in der Umsetzung der irritierenden Begegnungen an einigen Stellen durch Unklarheiten gebrochen. Dies zeigt sich beispielsweise während des gesamten Stückes am Umgang mit der vierten Wand.

Die Rolle der Alice wird von verschiedenen Schauspielenden übernommen. Wer nicht spielt, hockt in der ersten Reihe vor der Bühne und wird Zuschauer. Das Publikum wird einbezogen. Die Zweiteilung von Theaterbühne und Zuschauerreihen bricht auf. Am prominentesten geschieht dies in den Szenen mit der roten Königin. In der Rolle der Königin fordern die Schauspielenden: “Würden Sie bitte aufstehen? Jetzt dürfen Sie sich wieder setzen!” Ein Improvisationstheater gelingt da allerdings nicht immer in seiner vollen Konsequenz. Denn, wenn sich die Zuschauenden dem Spiel verweigern, dann bestehen die Spielenden weiterhin auf der Befolgung ihrer Forderung, statt — wie der Textlogik folgend — die Verweigernden im Spiel zu köpfen.

Ein weiterer Bruch dieses Konzepts ist die Entscheidung, das Bühnenbild durch die Techniker des Deutschen Theaters zweimal säubern zu lassen. Das Problem dieser Entscheidung liegt darin, dass die Techniker nicht im Publikum sitzen, also nicht auf der anderen Seite des fiktiven Spiegels auftauchen. Zwar ist die Intention dieser Übergänge klar: Die Grenzen zwischen Spiel und Realität sollen im wahrsten Sinne weggewischt werden. Das macht die vierte Wand aber nicht wirklich durchlässig. Es ist eher die Hommage an das eigene Haus. Was wäre, wenn man sich tatsächlich an das Publikum gewendet hätte, um die neue Szene vorzubereiten?

In der letzten Szene kündigt ein Spieler ein “sehr langes, aber sehr schönes Lied” an. Nach dem Singen eröffnet er dem Publikum, “Nun hast du es geschafft”, und schiebt auch die hintere Bühnenwand weit auf. Was die Zuschauenden genau geschafft haben sollen, bleibt offen. Jetzt stehen nur noch zwei von vier Theaterwänden. Das schwarze Loch, durch das man das Wunderland verlassen kann, ist zerrissen. Die Rückkehr aus diesem Alice-Kosmos bleibt aus.

Foto: Dave Grossmann