ALICE:
RATZFATZREISEBERICHT
DURCHS
WIEWAS-WUNDERLAND

von Lydia Dimitrow

Chapter One – Down the Rabbit Hole. Ein schwarzer Pappkreis mit Krabbelschlitz als Kaninchenloch. Einfach und fantasievoll, wie sie nach und nach durch dieses Tor in eine andere Welt schlüpfen. Dabei stellt der Zuschauer erstaunt fest, dass er auf der Seite sitzt, in die geschlüpft wird, also schon längst angekommen ist in diesem Land der Wunder. Wunder sollen sich in den nächsten neunzig Minuten auf einer pinkfarbenen und auffallend tiefen Hochglanzbühne entfalten. Das passt, weil Alice bekanntermaßen auffallend tief fällt. Und diese Bühne ist so glatt, dass von Anfang an klar ist, dass da nichts ist, was den Fall aufhält, nichts, an dem die Figuren sich festhalten können.

Auch auffallend ist, dass die Spielenden immer auf zwei verschiedene Weisen abgehen: entweder durch die sprichwörtliche Hintertür, indem die pinke Rückwand aufklappt, oder vorne rum. Da wird dann – zack! – von der Bühne gehüpft und ins Dunkel der Blackbox-Seitenbühne gehuscht. Wann und warum aber welcher von beiden Wegen gegangen wird, bleibt unklar. Immer wieder gibt es Abgänge, die nicht klar gesetzt werden: Während zwei Spieler sich gegenseitig anschreien, huppt die Spielerin, die eben noch im Vordergrund stand, von der Bühne, als würde man sie nicht sehen. Das wirkt nicht richtig auserzählt. Als wäre jeder mal dran, und wenn man fertig ist – dann geht man eben. Aber macht das nicht den Grusel bei “Alice” aus? Dass es eben keine Ausstiegsmöglichkeit gibt?

Chapter Two – The Pool of Tears. Den gab es auch. Und zwar in Form von prallgefüllten Wassersäckchen, die einer nach dem anderen aufgepiekst werden, sodass die Tränen nur so fließen — und das große Heulen beginnt. Nur fließt und heult es so lange, dass der Pfiff der Idee so überspült wird wie viele Ideen in dieser Inszenierung vom Jungen DT. Ideen, die knackiger und mit mehr Biss sicherlich funktionieren, so aber mit systematischer Langatmigkeit vor sich hin plätschern.

Chapter Three – The Caucus Race and a Long Tale. Die Betonung liegt nämlich auf “long”. Ganz am Ende des Stücks wird lang und breit angekündigt, dass jetzt ein sehr langes, ein wirklich langes, ein echt langes Lied kommt. Was ist der Witz daran, wenn das Lied dann wirklich lang ist? Am Ende des Romans wird Alice von ihrer Schwester geweckt. In der Produktion vom Jungen DT wacht der Zuschauer nicht auf. Er kommt nirgendwo an, und es nimmt auch niemand von ihm Abschied. Er wird einfach nach und nach von den Figuren verlassen. Unklar bleibt, warum das Ende einzig von einem Spieler im Fatsuit gestemmt wird, warum das Ensemble kein gemeinsames Ende findet, kein gemeinsames Bild.

Chapter Four – The Rabbit Sends a Little Bill. Das Ensemble flechtet in seine Alice-Textcollage vor allem anfangs englische Passagen ein. Eine Figur lässt verlauten: “Sometimes I feel like the rabbit in ‘Alice in Wonderland’.” Und besagter Hase fragt wiederum frech: “Do you have any personal experience with suicide? You should have!” So lässt das Stück ganz subtil die Fremdsprache der Textgrundlage durchscheinen und verweist auf die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Quellen.

Chapter Five – Advice from a Caterpillar. Hang the DJ! Wenn Musik im Theater zur Emotionskrücke wird, dann ist das eine verschenkte Spielchance. “Alice” ist immer wieder mit überlauten, wabernden Soundteppichen überlegt, die dem Stück Stimmungen aufpfropfen, die die Bilder auf der Bühne nicht einlösen. Der Zuschauer wird zur emotionalen Geisel von 110 Dezibel, und ich frage mich, warum die entsprechende Stimmung nicht auf der Bühne zwischen den Spielenden entsteht.

Chapter Six – Pig and Pepper. Beeindruckend ist, was für eine präzise und vielfältige Körperlichkeit sich die Spielenden vom Jungen DT in dieser Inszenierung erarbeitet haben. Dieser Körperlichkeit verdanken sie die stärksten Bilder und die kurzweiligsten Szenen der Inszenierung. So zum Beispiel, wenn der verhängnisvoll weiße Rosenstrauch zum Leben erwacht. Oder wenn die Herzkönigin ihre Untertanen zittern und schlottern lässt und dabei sehr gut gebaute Standbilder entstehen, die von Macht und Terror erzählen. Auch: Wenn die Spielenden zur ungezügelten Schweinehorde werden und quieken, drängeln, grunzen.

Chapter Seven – A Mad Tea-Party. Das Teegeschirr wird in dieser Inszenierung von anderen abgeräumt. Zweimal kommt ein Trupp DT-Techniker in DT-Techniker-Kluft auf die Bühne, um das ganze Tohuwabohu aufzuräumen. Es wird nicht klar, welche Ebene damit ins Spiel kommen, welchen Mehrwert dieser Bruch haben soll. Es wirkt so, als ginge es nur darum, den Bühneboden mal zu wischen. Und gäbe es da beim Alice-Stoff nicht vielfältige Möglichkeiten, um das in den Figuren-Kosmos einzubinden?

Chapter Eight – The Queen’s Croquet Ground. In dieser Inszenierung auch mit Publikumsbespaßung: aufstehen, hinsetzen, noch mal aufstehen. Nur wirken die beiden Herzköniginnen, als könnten sie eigentlich nichts mit den eingeforderten Reaktionen des Publikums anfangen. Wenn man Publikumsreaktion fordert, muss man 1. auf alle Fälle vorbereitet sein und 2. diese Reaktion produktiv machen. Aber die Versuche dieser Produktion, die vierte Wand zu durchbrechen, laufen ins Leere. Sie sind keine Einladung, keine Provokation, sondern hängen unbestimmt im Raum und bleiben inkonsequent. Als das Pappkaninchenloch zerstört in die rosa Box zurückgeflogen kommt, beschuldigt die eine Spielerin den anderen, denn: “Siehst du hier noch irgendjemanden?” Der Blick des Spielers sagt eindeutig, dass er das Publikum wahrnimmt, sie dagegen spielt diese Unsichtbarkeit. Dieses Spiel bleibt diffus und wenig interessant.

Chapter Nine – The Mock Turtle’s Story. Als Zwischenstand eine Lieblingsszene: Wenn Valentino (als Valentino) sich überlegt, wer er alles nicht sein will. Die Antwort ist: alle. “Ich bleibe hier und warte, bis ich jemand anderes bin.”

Chapter Ten – Lobster Quadrille. Gute Standbilder, präzise Choreographien. Man hätte gern mehr davon. Von starken Gruppenszenen und starken Gruppenchoreographien. Anstatt immer wieder kleine Einzelszenen aneinander zu reihen, deren Verbindungen nicht immer aufgehen.

Chapter Eleven – Who Stole the Tarts? Offensichtlich nicht gestohlen: die unzähligen Kostüme, die das Junge DT im Gepäck hatte. Hat man wirklich jeden Kostümwechsel gebraucht? Es stimmt natürlich: Ein Wunderland ist laut und bunt und bauschig – und immer wieder anders. Aber bei der Berliner Produktion schien sich doch zwischen all dem Tüll, den Schleppen, Schlüpfern und Alltagsklamotten die Beliebigkeit einzuschleichen. Und das immer dann, wenn mit dem neuen Kostüm nichts erzählt wurde, die neuen Fasern nicht bespielt wurden. Denn dass man mit Kostüm so viel erzählen kann, wurde eindrucksvoll vorgeführt, als die eine Herzkönigin sich zurückzieht und ein nächster Spieler, mit einem Stück roten Tüll, die Zuschauer terrorisiert. Es wird deutlich: Es bedarf nur eines bisschen Stoffs, dann ist der nächste König(in).

Chapter Twelve – Alice’s Evidence. “Ob ich am Ende heute Nacht ausgetauscht worden bin?”, heißt es einmal im Stück. Und genauso möchte man sich nach einer Inszenierung von “Alice im Wunderland” doch fühlen. Aber so richtig konnte das Ensemble vom Jungen DT mich nicht mitnehmen auf ihre Reise in die Zauberwelt. Als würde es noch mit einem Bein im Kaninchenloch stecken.

Foto: Dave Grossmann