Alice: Gibt’s ein Wunderland?

Der Bühnenraum ist weiß gehalten. Weiß ist der Tanzboden, weiß ist auch die Wand am hinteren Bühnenende. Der Raum, in dem sich die Tänzer*innen des Jugendensembles Saltazio bewegen, ist blank und leer: ein Projektionsraum, in dem sie mit ihren Bewegungen die Wünsche, die sie beschäftigen, ausleben können. Oder besser gesagt: ein Präsentationsraum, in denen sie dem Publikum diese Wünsche vorführen können. Ganz folgerichtig scheint es da, dass die Farbe der Wand im Laufe des Stücks einige Male vom Weiß des White Cubes zum Grün des Greenscreens wechselt.

In „Alice“ laufen die Tänzer*innen immer wieder eng zusammengedrängt über den weißen Tanzboden, um irgendwo auf dieser blanken Fläche anzuhalten, Stellung zu beziehen und sich aufzustellen, um sich vor dem Publikum zu präsentieren. Wie Puppen schauen sie dabei aus, wenn sie so in den Publikumsraum blicken: Ein offensichtlich künstliches Lächeln, stark geschminkte Gesichter, bei den Tänzerinnen knallig bemalte Lippen. Wie sie da so stehen, passiert es, dass eine Tänzerin einen cheesy Pop-Song singt, Mimik und Gestik dabei bewusst theatral gehalten. Ein anderes Mal stellt sich der einzige Tänzer des Ensembles als Bodybuilder auf, präsentiert seine Armmuskeln und scheint sich an der Verkörperung eines offensichtlich klischeehaften Männlichkeitsbilds zu versuchen. Und immer stehen sie dicht hintereinander und reißen eine*r nach dem*r anderen den Arm hoch und seufzen dabei laut – bewusst theatral – auf. Immer wieder streckt eine Tänzerin ihren Arm hoch, die Finger so geformt, als hielten sie einen Taschenspiegel oder auch ein Smartphone, dessen Kamera sich im Selfie-Modus befindet. Der Arm wird hin- und hergeschwenkt und mit ihm wippt die Gruppe leicht hin und her, ehe sie mit einem bewusst affektierten Ausruf eine Pose einnimmt. Und wiederholt führen die Tänzer*innen synchron eine Bewegungssequenz aus, bei der sie sich auf den Boden fallen lassen, den Oberkörper nach vorne recken, sich drehen, um sich schlussendlich in einer flirty Pose auf dem Boden zu legen.

Der blanke und leere Raum, so zeigt sich im Laufe von „Alice“, wird hier nicht durch die Tänzer*innen transformiert. Er bleibt blank und leer, weil dies die Wünsche selbst sind. In „Alice“ entwerfen die Tänzer*innen keine Utopie, es erfolgt kein Ausbruch aus dem gesellschaftlichen Ist-Zustand, aus der Welt der Beauty Produkte und Pop-Idole, der Welt, in der man sich ständig zu fragen hat, ob man schön, schlank, stark genug ist, ob man auch ja individuell und auch beliebt ist, gleichzeitig das Sagen und die Anerkennung der Andere hat. Eindrucksvoll zeigen die Tänzer*innen in „Alice“, so scheint mir, wie selbst in unseren Wünschen nach einer anderen diese Welt weitergeführt wird. Das Wunderland, in das mich „Alice“ führt, ist eine Teenie-Hölle, die sich als unentrinnbar erweist.

Foto: Dave Großmann